Studie
Können im sportmedizinischen Bereich tätige Berufsgruppen vorhersagen, wer ein höheres Risiko für eine VKB-Ruptur hat?

Eine aktuelle Studie hat untersucht, ob Sportmediziner und Trainer weibliche Fußball- und Handballspielerinnen mit erhöhtem Risiko für eine ACL-Verletzung nur anhand des VDJ-Tests identifizieren können und auf Basis welcher Informationen.

Was wurde untersucht?

Zur Vorbeugung von Rupturen des vorderen Kreuzbandes (anterior cruciate ligament – ACL) wird häufig die Bewegungsqualität beobachtet. Dabei stellt der vertikale Drop-Jump-Test (VDJ-Test) aufgrund seiner einfachen und schnellen Durchführbarkeit das Mittel der Wahl dar. Allerdings konnten nur bei erfahrenem Personal valide Ergebnisse festgestellt werden (vergleichbar mit denen von hoch entwickelten dreidimensionalen Analysen). Gleiches gilt für die Durchführung einer 3D-Analyse. Zudem ist bekannt, dass Bewegungsmuster bei einer 3D -Analyse auf Peak-Werte reduziert werden, sodass Informationen verloren gehen. Daher wird davon ausgegangen, dass Menschen kritische Bewegungen, die mit einem Verletzungsrisiko einhergehen, besser erfassen können. Diverse Bewegungsmuster (wie zum Beispiel eine höhere Hüftinnenrotation) während eines VDJ-Tests werden mit einem höheren Risiko einer ACL-Ruptur assoziiert. Allerdings wurde bislang nicht untersucht, ob die Beobachtung von Bewegungsmustern zur Erkennung von Hochleistungssportlern mit erhöhtem Risiko für eine ACL-Verletzung verwendet werden kann.

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Daher war das Ziel der vorliegenden Studie, zu erfassen, ob Sportmediziner und Trainer weibliche Fußball- und Handballspielerinnen mit erhöhtem Risiko für eine ACL-Verletzung nur anhand des VDJ-Tests identifizieren können und auf Basis welcher Informationen. Zudem wurde untersucht, ob sich die Berufsgruppen hinsichtlich ihrer Beurteilung unterschieden.

Wie wurde vorgegangen?

Zu diesem Zweck wurden weltweit Trainer und Sportmediziner (auch Studenten) über E-Mail und soziale Medien eingeladen eine Stichprobe norwegischer Handball- und Fußballspielerinnen hinsichtlich ihres Risikos zu bewerten. Jeder Gutachter bewertete das Risiko von 102 Athletinnen, von denen 20 Spielerinnen nach den Videoaufzeichnungen eine ACL-Verletzung erlitten, auf einer Skala von 1 (sehr geringes Risiko) bis 10 (sehr hohes Risiko) und woran dieses Risiko festgemacht wurde. Zur Identifizierung von Unterschieden zwischen den Berufsgruppen wurden Geschlecht, Alter, Region, aktueller Beruf, Bildungsniveau, Berufserfahrung, Arbeit mit Sportlern und in welchem Sport und die bisherige Verwendung des VDJ-Tests erfasst. 

Was kam raus?

Die diagnostische Fähigkeit eines jeden Gutachters wurde statistisch berechnet. Dabei wurde auch untersucht, ob die kollektive Entscheidung einer Berufsgruppe genauer war als die eines Individuums der Gruppe sowie die Verlässlichkeit zwischen zwei Gutachtern.  Die statistische Analyse ergab keine signifikanten Unterschiede (p = 0,67) zwischen den Berufsgruppen. Die Gruppe der verletzten Spielerinnen unterschied sich kaum von der der Unverletzten hinsichtlich ihres beobachteten Risikos eine ACL-Verletzung zu erleiden. 

Mit r = 0,75 besteht eine hohe Übereinstimmung zwischen den Prüfern zur Bewertung der Verletzungswahrscheinlichkeit. Hinsichtlich der beobachteten biomechanischen Parameter gab es keine Unterschiede zwischen den Berufsgruppen. 

Aufgrund dieser Ergebnisse kamen die Autoren zu dem Schluss, dass die Beobachtung eines VDJ-Tests nicht zur Bewertung des ACL-Verletzungsrisikos der vorliegenden Population genutzt werden kann. Aufgrund der stark variierenden Bewertungen kann keine individuelle Risikobewertung festgestellt werden. Darüber hinaus gab es keine Unterschiede zwischen den Berufsgruppen. Des Weiteren wurde festgestellt, dass die Durchführung des VDJ nicht dem Verletzungshergang ähnelt, da er weder die Belastung auf nur ein Bein noch einen möglichen Richtungswechsel berücksichtigt.

Kommentar: 

Mit Blick auf die Limitationen und Ergebnisse der Studie haben die Autoren recht, dass der VDJ-Test an dieser Stelle ungeeignet ist. Das bedeutet nicht, dass der VDJ-Test überhaupt nicht mehr durchgeführt werden sollte. Er ist nach wie vor ein einfacher und schnell durchführbarer Test zur Ermittlung der Beinachsenstabilität, allerdings sollten alle Bewegungsebenen berücksichtigt werden. Die Verteilung der Sportarten Handball und Fußball ist nicht aussagekräftig, da die Handballerinnen sowohl in der Gesamtpopulation als auch bei den Verletzten deutlich unterrepräsentiert sind. Eine gesonderte Studie könnte zeigen, ob der VDJ-Test bei ihnen nicht aussagekräftig ist, da sie häufiger bei Sprungwürfen auf einem Bein landen als dies bei Fußballern der Fall ist. Auch hier liegen die Autoren richtig, dass der VDJ-Test nach Sportarten zu differenzieren ist, da im Fußball die häufigen Richtungswechsel nicht mit einem VDJ-Test darstellbar sind. Hier wären Bestandteile des RTAA des OSINSTITUTs eher zu empfehlen.   

Plakativ zusammengefasst

Das menschliche Auge sollte nicht eingesetzt werden, um das Verletzungsrisiko während des VDJ-Tests zu untersuchen. Aber ein 3D Motion Capture ist auch nicht viel besser. Da stellt sich die Frage, ob der VDJ überhaupt der richtige Test ist, um eine Vorhersage machen zu können oder ob es an der Untersuchung mit den Augen liegt? Der VDJ alleine scheint jedenfalls nicht auszureichen, da er ein beidbeiniger, in der Sagittalebene stattfindender und vorhersehbarer Test ist, der nichts mit dem eigentlichen Verletzungsmechanismus eines VKB zu tun hat. Spannend und auch etwas erschreckend an dieser Studie ist vor allem, die Überzeugung der Untersucher, mit ihrer Beobachtungsgabe eine Vorhersage anhand dieses Tests machen zu können.

Literatur:

Mørtvedt AI et. al (2020). I spy with my little eye ... a knee about to go ‘pop’? Can coaches and sports medicine professionals predict who is at greater risk of ACL rupture?, in: British Journal of Sports Medicine, 54 (3). https://bjsm.bmj.com/content/54/3/154, abgerufen am 20.04.2020

Text: Siri Goldschmidt, Wolfgang Schoch