Rehabilitation
Interview mit HSV-Arzt Götz Welsch: „Funktionell ja, aber nicht nur!“

Im Interview verrät Priv.-Doz. Dr. med. Götz Welsch, Leitender Mannschaftsarzt des HSV, wie er als Sportmediziner zu funktionellen Nachbehandlungskonzepten steht und welche Rolle der RTAA® bei der Betreuung der Spieler des HSV spielt. Klar ist: Er ist mehr als eine bloße Testbatterie. 

OSINSTITUT: In der Rehabilitation gibt es in letzter Zeit einen Paradigmenwechsel – weg von zeitbasierten hin zu funktionellen Nachbehandlungskonzepten. Wie siehst du als Sportmediziner diese Entwicklung?

Götz Welsch: Ich begrüße diesen Paradigmenwechsel. Man kann in einer kurzen Untersuchung als Arzt oder auch als Physiotherapeut nicht immer zu 100 Prozent beurteilen, wie es um die Funktionalität eines Gelenks oder einer Extremität bestellt ist. Zudem hat Zeit auch nur eine relativ geringe Aussagekraft zum Beispiel bezüglich intermuskulärer und intramuskulärer Koordination. Insofern ist es für uns sehr gut, dass es dieses Umdenken gibt. Aber: Ich glaube mittlerweile muss man ein bisschen aufpassen, dass man nicht nur funktionell denkt. Die verletzte Anatomie braucht natürlich immer noch Zeit, um zu verheilen. Es kommt durchaus vor, dass die Funktion schon wieder gegeben ist, die Struktur aber noch Zeit bräuchte.

OSINSTITUT: Man sollte das Nachbehandlungskonzept also nicht dogmatisch betrachten.

Götz Welsch: Ganz Genau. Man sollte sich möglichst viele Informationen besorgen und diese dann im Sinne des Patienten nutzen. Dazu sollte man viel kommunizieren – mit Physiotherapeuten, Ärzten, Trainern, dem Sportler selbst –, um aus allen erhaltenen Informationen den optimalen Rückschluss zu ziehen. 

OSINSTITUT: Du begrüßt die Entwicklung von funktionsbasierten Nachbehandlungskonzepten. Warum bieten sie sich bei der Betreuung von Patienten oder Sportlern an?

Götz Welsch: Ganz wichtig: sie dienen als gemeinsame Sprache. Um zu wissen, wo ein Spieler oder ein Patient in der Reha steht, sind klare Aussagen wie „RTAA Level 2 bestanden“ oder „RTAA Level 2 momentan nur bei 67 Prozent“ sehr hilfreich, weil sie eindeutig sind. Jeder Betreuer und auch der Trainer wissen dadurch direkt, wo der Patient steht und wo und wie man mit ihm weiterarbeiten kann.

Der zweite wichtige Punkt ist, dass man als Betreuer eine gewisse Sicherheit bekommt. Man hat immer Sorge vor einer Re-Verletzung. Um diese zu vermeiden, ist es ganz wichtig, die Funktion oder möglicherweise die noch fehlende Funktion im Blick zu haben. Man weiß, dass ein Spieler oder Athlet erst bestimmte Funktionen können muss, bevor er die nächste Stufe in der Rehabilitation machen darf. Dieses Vorgehen dient auch dem Schutz des Spielers. Ich bin mir 100prozentig sicher, dass Re-Verletzungen in ihrer Häufigkeit reduziert werden können, wenn konsequent nach einem Schema wie dem RTAA® vorgegangen wird. Die Gefahr, dass ein Spieler zu früh zu viel macht, wird dadurch reduziert.

Der dritte wichtige Punkt ist die Kommunikation mit dem Spieler selbst. Auch er weiß durch die Testergebnisse, wo er steht. Klare Zahlen sind für ihn einfacher nachzuvollziehen als reine Zeitangaben, weil die Frage nach dem „Warum“ besser abgedeckt wird. Wenn ich ihm sagen kann: bei diesem Test bist du erst bei 60 Prozent, du musst aber mindestens bei 90 Prozent sein, ist das für ihn greifbarer. Und: Er bekommt eine regelmäßige Rückkopplung. Wenn er die korrigierenden Übungen macht, die wir ihm zeigen und mit ihm durchführen, dann wird er in dem Test besser. Und das merkt er. Und damit kommen wir zum vierten Punkt. 

Der Spieler wird sicherer in seiner Bewegungsausführung, er hat weniger Angst vor bestimmten Bewegungen. Das ist keine Behauptung von mir, sondern die häufige Rückmeldung der Spieler. Am Anfang haben sie beispielsweise Angst vor einem einbeinigen Sprung. Im Rahmen der Rehabilitation tasten sie sich stufenweise heran und verbessern sich. Das hilft ihnen Sicherheit zu bekommen und sie haben weniger Angst vor der Belastung.

OSINSTITUT: Heißt also, die psychische Komponente wird auch „behandelt“? Angst vor einer Re-Verletzung ist ja eine sehr häufige Ursache für Re-Verletzungen, da man trotz gesunder Strukturen Fehlbelastungen ausführt.

Götz Welsch: Genau. Der Spieler sieht, wo er steht. Er sieht seinen eigenen Fortschritt, sieht vielleicht auch seine eigenen Defizite, und er lernt auch sie zu überwinden und lernt die Angst vor dem nächsten Schritt zu verlieren. Er vertraut sich und seinem Körper wieder.

OSINSTITUT: Inwieweit helfen euch Konzepte wie der RTAA®, um die unterschiedlichen Interessen der verschiedenen Beteiligten unter einen Hut zu bringen – Spieler, Physiotherapeut, Arzt, Trainer.

Götz Welsch: Sie sind sehr hilfreich und zwar aus einem bestimmten Grund: Je mehr Tests man hat, die eine klare Aussage treffen, desto leichter wird die Kommunikation. Ich kann begründen, warum ein Spieler erst dieser oder jener Belastung ausgesetzt werden darf. Es ist einfacher, wenn man Konkretes in der Hand hat und nicht einfach sagen muss, es dauert so lange, weil es so lange dauert.

Ein so strukturiertes Vorgehen gibt auch dem Trainer und dem Verein das Gefühl, dass der Betreuerstab genau weiß, was er tut. Sie sehen: der medizinische Staff fischt nicht im Trüben, sondern weiß, wovon er spricht. Man kann also das ganze System, das ganze Umfeld des Spielers besser informieren über den Fortschritt. Das hilft und ist einfach professionell.

OSINSTITUT: Wie weit ist das System beim HSV jetzt schon etabliert? Nutzt ihr den RTAA® nur bei den Profis?

Götz Welsch: Nein, alle Abteilungen, für die wir verantwortlich sind, nutzen das System – von den Profis bis zur U11. Sowohl die Reha-Trainer als auch die Physiotherapeuten, als auch die Ärzte wenden den RTAA an. Für uns ist das eine super Sache, für die interne Kommunikation und die Kommunikation nach außen. Und ganz wichtig: Das System wird ernst genommen. Wenn also jemand ein Level nicht bestanden hat, ist klar, dass es nicht weitergeht, bis er es erfolgreich absolviert.

OSINSTITUT: Vielen Dank für das Gespräch.


Hamburger SV und OSINSTITUT – eine enge Partnerschaft

Seit 2014 stehen das OSINSTITUT und der HSV in engem Austausch. Regelmäßig schult das Dozententeam um Matthias Keller die Mitarbeiter des HSV in Inhouseseminaren, Workshops und Updates. Außerdem finden in den Räumlichkeiten des HSV regelmäßig Seminare des OSINSTITUTs statt. Der nächste Termin:

21.02.-22.02.2020 OS Functional Rehab – Obere Extremität (hier buchen)

Das Gespräch führte Nils Borgstedt