Wissensupdate
Zurück im Spiel – aber nicht voll belastbar: Langzeitfolgen der Patellaluxation auf Sport und Funktion
Patient:innen nach Patellaluxation kehren oft zum Sport zurück, zeigen jedoch langfristig funktionelle Defizite und Einschränkungen. Rückkehr zur Aktivität bedeutet nicht automatisch vollständige Wiederherstellung von Belastbarkeit und Funktion.
Hintergrund Patellaluxation
Die Patellaluxation ist eine häufige orthopädische Verletzung, die insbesondere bei Jugendlichen auftritt und oft im Rahmen sportlicher Aktivitäten entsteht. Sie macht etwa 3,3 % aller Knieverletzungen aus und stellt sowohl für das Gesundheitssystem als auch für die Betroffenen eine relevante Belastung dar. Als wesentliche Risikofaktoren für Rezidive gelten Trochleadysplasie, Patella alta und ein jüngeres Alter.
Hinsichtlich der optimalen Behandlung besteht weiterhin Unsicherheit, wobei die Evidenzlage laut ESSKA-Konsensus (1, 2) als niedrig einzustufen ist. Während nach einer primären Luxation in der Regel eine konservative Therapie empfohlen wird und operative Maßnahmen meist erst nach Rezidiven in Betracht gezogen werden, zeigen aktuelle Übersichtsarbeiten einen Trend hin zu einer vermehrten operativen Versorgung.
Die Beurteilung des Behandlungserfolgs anhand von Rezidivraten allein greift jedoch zu kurz. Auch ohne erneute Luxation berichten Patienten über anhaltende funktionelle Einschränkungen. So kehren nach einer Erstluxation lediglich etwa 26 % ohne Einschränkungen zu ihren Aktivitäten zurück, während mehr als 30 % innerhalb von sechs Monaten nicht wieder sportlich aktiv werden. Dies ist insbesondere relevant, da eine eingeschränkte Funktion der unteren Extremität mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung radiologischer Kniearthrose innerhalb von fünf Jahren assoziiert ist. Zudem persistieren patellofemorale Beschwerden bei Jugendlichen häufig bis ins Erwachsenenalter.
Da Patellaluxationen vor allem junge, sportlich aktive Menschen betreffen und sportliche Aktivität eine zentrale Rolle für körperliche Aktivität, psychisches Wohlbefinden und soziale Teilhabe spielt, kann eine Reduktion oder Aufgabe sportlicher Aktivität langfristig zu Inaktivität, verminderter Fitness und einem schlechteren Gesundheitszustand führen.
Insgesamt unterstreicht dies die Bedeutung einer umfassenden Langzeitbewertung klinischer Outcomes, einschließlich patientenberichteter Funktion, Patientenzufriedenheit sowie der Teilnahme an sportlichen und freizeitbezogenen Aktivitäten. Ziel der vorliegenden Studie Toustrup et al. war es daher, die langfristigen klinischen Ergebnisse nach primärer, rezidivierender und operativ behandelter Patellaluxation zu untersuchen.
Studiendesign und Fragestellung
Diese retrospektive Kohortenstudie wurde von Forschern der Aalborg University in Dänemark durchgeführt, wobei Patient:innen mit Patellaluxation im Zeitraum von Januar 2019 bis Dezember 2022 inkludiert wurden. Die Teilnehmenden füllten einen Fragebogen mehr als sechs Monate nach der letzten Luxation bzw. mehr als ein Jahr nach einer patellastabilisierenden Operation aus. Primärer Endpunkt war der Kujala-Score. Sekundäre Endpunkte umfassten die Tegner-Aktivitätsskala, die Knee Self-Efficacy Scale (K-SES), den Patient Acceptable Symptom State (PASS) sowie den Sporting Activity Questionnaire (SAQ). Es erfolgten Vergleiche zwischen primären Luxationen, rezidivierenden Luxationen und operativ behandelten Patienten.
Welche Ergebnisse haben sich gezeigt?
Insgesamt wurden 978 Personen anhand von ICD-Codes identifiziert, von denen 810 für die Studienteilnahme geeignet waren. 401 Personen füllten den demografischen Teil des Fragebogens sowie den Kujala-Score aus (Rücklaufquote 49,5 %). Nach weiteren Ausschlüssen wurden 228 Teilnehmende in die Analyse eingeschlossen (66 primäre Luxationen, 88 rezidivierende Luxationen, 74 operativ behandelt).
Der mediane Zeitraum seit der letzten Luxation betrug zwei Jahre (IQR: 1–4). Der mediane Kujala-Score lag insgesamt bei 84 (IQR: 70–93) und unterschied sich signifikant zwischen den Gruppen (p < 0,001): 89 (78–96) nach primärer Luxation, 82 (72–92) bei rezidivierenden Luxationen und 78 (65–89) in der operativ behandelten Gruppe. Post-hoc-Analysen zeigten signifikant bessere Werte in der Primärluxationsgruppe im Vergleich zur Rezidivluxations- (p = 0,017) und zur Operationsgruppe (p < 0,001), während kein signifikanter Unterschied zwischen Rezidiv- und Operationsgruppe bestand (p = 0,177).
Im SAQ zeigte sich eine Abnahme der Teilnahme an Sportarten mit hoher Belastung sowie eine Zunahme von Sportinaktivität vom prä- zum postverletzungszeitpunkt. Diese Veränderungen waren in der Gruppe mit rezidivierenden Luxationen (p < 0,001) und in der operierten Gruppe (p < 0,001) statistisch signifikant, jedoch nicht in der Gruppe mit primärer Luxation (p = 0,143). Gemäß PASS berichteten 49 % der Teilnehmenden über eine Unzufriedenheit mit ihrer aktuellen Kniefunktion.
Patellaluxationen können zu langfristigen funktionellen Einschränkungen und einer reduzierten Sportteilnahme führen, wobei etwa die Hälfte der Patient:innen auch nach zwei bis drei Jahren mit ihrer Kniefunktion unzufrieden ist. Eine operative Behandlung scheint nicht auszureichen, um die vollständige körperliche Funktion wiederherzustellen.
Einordnung der Ergebnisse für die Praxis
Die vorliegende Studie liefert trotz ihres retrospektiven Designs relevante und klinisch wertvolle Einblicke in die mittelfristigen Folgen der Patellaluxation. Die Rücklaufquote von knapp 50 % sowie das Studiendesign bergen zwar ein gewisses Risiko für Selektionsbias, dennoch stellt die vergleichsweise große Stichprobe – mit Patienten nach Erstluxation, Rezidivluxationen und operativer Versorgung – eine Stärke dar. Insbesondere die differenzierte Betrachtung funktioneller Outcomes und der Sportteilnahme schließt eine wichtige Lücke in der bisherigen Literatur.
Bisher lag der Fokus vieler Studien primär auf der Rezidivrate als Erfolgsparameter, während funktionelle Einschränkungen und Return-to-Sport (RTS) – insbesondere im mittelfristigen Verlauf – deutlich weniger untersucht wurden. Gerade für die typische Zielpopulation junger, sportlich aktiver Patienten sind diese Aspekte jedoch von zentraler Bedeutung. Die vorliegenden Daten zeigen eindrücklich, dass selbst ohne erneute Luxation relevante funktionelle Defizite bestehen bleiben und die Sportteilnahme signifikant eingeschränkt ist.
Im Einklang mit den ESSKA-Konsensuspapieren zur Patellaluxation, unterstreichen die Ergebnisse die Notwendigkeit einer individualisierten Therapieentscheidung unter Berücksichtigung bekannter Risikofaktoren wie Trochleadysplasie, Patella alta und jungem Alter. Gleichzeitig machen sie deutlich, dass weder konservative noch operative Strategien per se zu einer vollständigen funktionellen Wiederherstellung führen.
Für die klinische Praxis ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Die Patellaluxation ist keine „benigne“ Verletzung, sondern muss von Physiotherapeut:innen, Ärzt:innen und Patient:innen (sowie deren Eltern) als potenziell folgenreiche Knieverletzung ernst genommen werden. Die Rehabilitation sollte entsprechend strukturiert, progressiv und anspruchsvoll gestaltet werden. Insbesondere erscheint es sinnvoll, strengere Return-to-Sport-Kriterien anzuwenden, vergleichbar mit denen nach vorderer Kreuzbandrekonstruktion, um funktionelle Defizite gezielt zu adressieren.
Darüber hinaus legen die Ergebnisse nahe, dass bereits nach einer Erstluxation ein konsequentes und qualitativ hochwertiges Rehabilitationsprogramm essenziell ist, um Rezidive zu vermeiden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob bei Vorliegen klarer Risikofaktoren eine frühzeitigere operative Stabilisierung in ausgewählten Fällen gerechtfertigt sein könnte – auch im Sinne einer besseren langfristigen Funktion und Sportteilnahme.
Insgesamt stärkt die Studie die Perspektive, dass bei der Behandlung der Patellaluxation nicht allein die Vermeidung von Rezidiven, sondern vor allem die Wiederherstellung von Funktion und sportlicher Teilhabe im Mittelpunkt stehen sollte.
Take Home Messages
Patellaluxation ≠ harmlose Verletzung: Auch ohne Rezidiv bleiben häufig funktionelle Defizite und Einschränkungen der Sportteilnahme bestehen.
Return to Sport ist oft unvollständig: Nur ein Teil der Patient:innen erreicht wieder das vorherige Aktivitätsniveau – besonders nach Rezidiv oder Operation.
Rezidivrate allein ist kein ausreichender Outcome: Funktion, Patientenzufriedenheit und Sportteilnahme müssen systematisch mitberücksichtigt werden.
Rehabilitation muss anspruchsvoller werden: Strukturierte Programme mit klaren RTS-Kriterien (ähnlich VKB-Reha) sind essenziell.
Frühe Strategieentscheidungen sind entscheidend: Konsequente Reha nach Erstluxation und ggf. frühzeitige OP bei Risikofaktoren könnten langfristige Outcomes verbessern.
Weitere Literatur
Blønd L, Askenberger M, Stephen J, et al. Management of first-time patellar dislocation: The ESSKA 2024 formal consensus—Part 1. Knee Surgery, Sports Traumatology, Arthroscopy 2025; doi:10.1002/KSA.12620
Balcarek P, Blønd L, Beaufils P, et al. Management of first‐time patellar dislocation: The ESSKA 2024 formal consensus—Part 2. Knee Surgery, Sports Traumatology, Arthroscopy 2025; 33: 4197. doi:10.1002/KSA.12637
Quelle: Toustrup JL, Diget N, Sørensen B, et al. Back on Track, But Still Benched: Long-Term Impact of Patellar Dislocation on Sport and Function – A Retrospective Cohort Study. J Orthop 2025; doi:10.1016/J.JOR.2025.12.012. Der Artikel ist "open access" publiziert.
Autor: Dr. Martin Ophey
Reviewer: Nils Borgstedt
KI: Für die inhaltliche Erstellung des Beitrags kam keine künstliche Intelligenz zum Einsatz.
Interessenkonflikt: Der Autor gibt keinen Interessenkonflikt an.