Wissensupdate
VKB Rekonstruktion - Mehr On-Field Reha erhöht Return-to-Play-Wahrscheinlichkeit
Nach VKB-Rekonstruktion erreichten 84 % der Fußballer ihr vorheriges Spielniveau. Größerer Umfang und höhere Frequenz der On-Field-Reha waren mit einer höheren Return-to-Play-Wahrscheinlichkeit assoziiert. Die Re-Rupturrate lag bei 10 %.
Hintergrund
Nach einer VKB-Rekonstruktion kehren Profifußballer zwar in bis zu 97 % der Fälle innerhalb von 12 Monaten in den Sport zurück, bei Amateurspielern sind die Return-to-play (RTP)-Raten jedoch deutlich geringer. Zwar nehmen etwa 81 % wieder irgendeine Form von Sport auf, aber nur 55–65 % erreichen ihr vorheriges sportliches Niveau.
Zusätzlich bleibt das Risiko für eine erneute VKB-Verletzung hoch. Nahezu jeder fünfte Profifußballer sowie etwa jeder dritte junge Amateurspieler unter 25 Jahren erleidet nach der Rückkehr in den Sport eine weitere VKB-Verletzung. Dadurch besteht weiterhin ein großer Bedarf, Rehabilitation und RTP-Prozesse zu optimieren.
In den letzten Jahren wurde daher ein kriteriumsbasierter RTP-Ansatz mit stufenweiser Progression propagiert. Besonders die sogenannte On-Field-Rehabilitation (OFR) gilt hierbei als wichtige Brücke zwischen klassischer Rehabilitation und der Rückkehr ins Mannschaftstraining. Strukturierte OFR-Programme sollen die fußballspezifische Belastbarkeit verbessern sowie RTP-Zeiten und Re-Verletzungsraten positiv beeinflussen.
Fragestellung und Studiendesign
Ziel der Forscher dieser Studie war es, den Einfluss der OFR auf RTP-Ergebnisse sowie das Risiko einer erneuten VKB-Verletzung in einer großen Kohorte von Fußballspielern unterschiedlicher Leistungsklassen zu untersuchen. Es wurde angenommen, dass die Spieler (i) häufiger auf ihrem vorherigen Leistungsniveau in den Sport zurückkehren und (ii) niedrigere Raten erneuter VKB-Verletzungen aufweisen würden als in der bisherigen Literatur beschrieben.
Die Daten von 401 männlichen Fußballspielern nach primärer VKB-Rekonstruktion wurden retrospektiv analysiert. Alle Spieler absolvierten ein standardisiertes Rehabilitationsprotokoll einschließlich einer Phase der On-Field-Rehabilitation (OFR). Die Teilnehmer wurden entsprechend ihres Leistungsniveaus in Profi- und Amateurspieler eingeteilt. Unterschiede hinsichtlich Return-to-Play (RTP) sowie Re-Verletzungen zwischen den Gruppen wurden dokumentiert. Der Zusammenhang zwischen präoperativen, intraoperativen und postoperativen Variablen und den jeweiligen Outcomes wurde mittels logistischer Regressionsanalysen unter Kontrolle des Leistungsniveaus untersucht.
Welche Ergebnisse haben sich gezeigt?
Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 40,6 Monate nach VKB-Rekonstruktion. Insgesamt erreichten 84 % der Spieler wieder ihr vorheriges sportliches Leistungsniveau. Profispieler (88 %) kehrten dabei durchschnittlich nach 5,9 ± 2,1 Monaten zurück, Amateurspieler (83 %) nach 6,9 ± 3,2 Monaten. Ein höherer Umfang sowie eine höhere wöchentliche Frequenz der OFR waren mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für RTP assoziiert. Auch eine hohe OFR-Compliance war mit einer erhöhten RTP-Wahrscheinlichkeit verbunden; 91 % der complianten Spieler erreichten erneut ihr vorheriges Leistungsniveau.
42 Spieler (10 %) erlitten eine zweite VKB-Verletzung, davon 20 ipsilateral und 22 kontralateral. OFR-Variablen zeigten keinen signifikanten Zusammenhang mit dem generellen Risiko einer erneuten VKB-Verletzung. In einer explorativen Subgruppenanalyse junger Spieler (<20 Jahre) war eine hohe OFR-Compliance jedoch mit einem geringeren Risiko für eine ipsilaterale Re-Ruptur assoziiert.
Die Forscher schlussfolgern, dass Fußballspieler nach VKB-Rekonstruktion in dieser Kohorte hohe RTP-Raten (88 %) bei gleichzeitig niedriger Re-Verletzungsrate (10 %) aufwiesen. Ein höherer Umfang und eine höhere wöchentliche Frequenz der On-Field-Rehabilitation (OFR) war mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für RTP assoziiert. Zwischen der OFR-Compliance und dem generellen Risiko einer erneuten VKB-Verletzung zeigte sich kein Zusammenhang. Bei jungen Spielern war eine höhere OFR-Compliance jedoch mit einem geringeren Risiko für eine ipsilaterale Re-Ruptur assoziiert.
Einordnung der Ergebnisse für die Praxis
Für die Einordnung der Studienergebnisse in die Praxis ist wichtig zu berücksichtigen, dass ausschließlich männliche Fußballspieler eingeschlossen wurden. Zudem erfolgten die primären VKB-Rekonstruktionen bereits zwischen 2010 und 2014 an der Isokinetic Medical Group in Bologna (FIFA Medical Centre of Excellence). Von ursprünglich 1326 Patient:innen der Datenbank wurden 684 ausgeschlossen, unter anderem weil sie nicht in ihren Sport zurückkehrten oder Frauen waren. Weitere 140 Patient:innen wurden ausgeschlossen, da sie weder offiziell „medical discharge“ erhalten noch die OFR-Phase vollständig durchlaufen hatten, und bereits zuvor zu ihren Vereinen zurückgekehrt waren.
Diese Selektion relativiert die in der Studie berichtete, vergleichsweise niedrige Re-Rupturrate von 10 % erheblich. Ein weiterer limitierender Faktor hinsichtlich der Generalisierbarkeit der Ergebnisse ist neben der ausschließlichen Untersuchung männlicher Fußballspieler auch die Tatsache, dass sich der Fußball in den vergangenen 10–15 Jahren hinsichtlich Belastungsprofil, Spielintensität und Rehabilitation deutlich verändert hat.
Trotz dieser Limitationen handelt es sich um eine groß angelegte retrospektive Studie, die erstmals aufzeigt, dass sowohl ein höherer Umfang als auch eine höhere Frequenz von OFR-Sessions mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für ein Return-to-Play auf dem vorherigen Leistungsniveau assoziiert sind.
Das verwendete OFR-Protokoll* wurde bereits 2012 von Della Villa publiziert; die entsprechende Referenz ist unten aufgeführt. Gleichzeitig hat sich auch der phasenweise Aufbau der On-Field-Rehabilitation in den vergangenen Jahren kontinuierlich weiterentwickelt.
Take Home Messages:
Eine strukturierte On-Field-Rehabilitation scheint die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, nach VKB-Rekonstruktion wieder das vorherige sportliche Leistungsniveau zu erreichen.
Nicht nur der Umfang, sondern auch die Regelmäßigkeit der OFR-Sessions war mit besseren RTP-Ergebnissen assoziiert.
Trotz hoher RTP-Raten bleibt das Risiko einer erneuten VKB-Verletzung relevant, insbesondere bei jungen Spielern, weshalb eine qualitativ hochwertige RTS-Begleitung essenziell bleibt.
*Della Villa, S., Boldrini, L., Ricci, M., Danelon, F., Snyder-Mackler, L., Nanni, G., & Roi, G. S. (2012). Clinical Outcomes and Return-to-Sports Participation of 50 Soccer Players After Anterior Cruciate Ligament Reconstruction Through a Sport-Specific Rehabilitation Protocol. Sports health, 4(1), 17–24. https://doi.org/10.1177/1941738111417564
Quelle: Della Villa, F., Picinini, F., Di Paolo, S., Scavone, A., Caminati, D., Gamberini, J., & Buckthorpe, M. (2026). The impact of on-field rehabilitation on return to play and ACL re-injury risk after ACL reconstruction in football (soccer) players: A study on 401 consecutive cases. Knee surgery, sports traumatology, arthroscopy : official journal of the ESSKA, 10.1002/ksa.70392. Advance online publication. https://doi.org/10.1002/ksa.70392
Der Artikel ist ‘open access‘ publiziert.
Autor: Dr. Martin Ophey
Reviewer: Nils Borgstedt
KI: Für die inhaltliche Erstellung des Beitrags kam keine künstliche Intelligenz zum Einsatz.
Interessenkonflikt: Der Autor gibt keinen Interessenkonflikt an.