Wissensupdate
Videotechnische Analyse von Syndesmoseverletzungen
Syndesmoseverletzungen sind im Profifußball weit verbreitet. Der genaue Mechanismus dahinter und ob dieser die Zeit zur Rückkehr in den Sport beeinflusst, ist jedoch noch nicht bekannt. Mit Hilfe videotechnischer Analyse haben Jain et al. Klarheit schaffen wollen.
Hintergrund
10 – 15 % aller Sportverletzungen sind Läsionen des Sprunggelenks, wobei in 18 % der Fälle die Syndesmose betroffen ist. Besonders verbreitet ist diese Pathologie im Profifußball.
Die Syndesmose verbindet am oberen Sprunggelenk Tibia und Fibula miteinander und trägt zur Stabilität des Gelenks bei. Zu dem Bandkomplex gehören unter anderem: das Lig. tibiofibulare anterius (AITFL), das Lig. tibiofibulare posterius (PITFL) sowie das Lig. tibiofibulare interosseum (IOL).
Der genaue Mechanismus hinter Syndesmoseverletzungen wird vermehrt in der Literatur diskutiert.
Dies erschwert auch die Differenzierung von Sprunggelenksverletzungen ohne Beteiligung der Syndesmose, wodurch der Therapiestart häufig hinausgezögert wird.
Studiendesign und Fragestellung
Ziel der vorliegenden prospektiven Studie war es deshalb mittels moderner Videoanalyse die verschiedenen Mechanismen hinter Syndesmoseverletzungen zu identifizieren. Außerdem wollte die Gruppe um Jain einen möglichen Zusammenhang zwischen Verletzungsmechanismus und Schweregrad der Verletzung, sowie den Einfluss auf die benötige Zeit bis zur Rückkehr in den Sport untersuchen.
Sie schlossen in die Studie 12 Syndesmoseverletzungen männlicher Fußballprofis zweier englischer Vereine ein.
Zunächst führten zwei Autoren der Studie sowie der jeweils zuständige Physiotherapeut eine ausführliche und unabhängige Analyse des zur Verfügung stehenden Videomaterials durch. Dabei wurde die exakte Position des Fußes, des Sprunggelenks sowie des Knies beschrieben.
Des Weiteren erfolgte ein Vergleich des identifizierten Verletzungsmechanismus mit der initialen klinischen und bildgebenden Beurteilung. Hierbei wurde auch die Unterteilung anhand des modifizierten „West Point Ankle Grading system“ (Grad I bis III) sowie die Dauer zwischen Zeitpunkt der Verletzung bis hin zum ersten Spiel (RTP-Dauer) berücksichtigt.
Welche Ergebnisse haben sich gezeigt?
Elf der inkludierten Verletzungen erfolgten unter Fremdeinwirkung, wohingegen die zwölfte Verletzung durch einen plötzlichen Richtungswechsel ausgelöst wurde.
Ferner konnten zwei unterschiedliche Verletzungsmechanismen identifiziert werden:
Zum einen eine erzwungene Außenrotation des Sprunggelenks bei gleichzeitiger Dorsalflexion. Diese Kombination traf auf neun der zwölf (75 %) Verletzungen zu, wovon vier Spieler operativ stabilisiert werden mussten. Insgesamt wurden diese Verletzungen als schwerwiegender eingestuft und hatten eine durchschnittliche RTP-Dauer von 91 Tagen (40 – 165 Tage).
Den verbleibenden drei Verletzungen konnte man andererseits einem Supinations-Inversions-Mechanismus zuordnen, wobei sich das Sprunggelenk bei gleichzeitiger Plantarflexion des Fußes nach innen drehte. In keinem der Fälle war eine operative Versorgung notwendig und die durchschnittliche RTP-Dauer belief sich auf lediglich 26 Tage (21 – 35 Tage).
In weiteren Analysen konnte keine Korrelation zwischen den initialen, klinischen Testergebnissen, wie beispielsweise einem positiven „Squeeze Test“, und den zwei identifizierten Verletzungsmechanismen festgestellt werden. Auch mit der durchschnittlichen RTP-Dauer korrelierten die dokumentierten Testergebnisse nicht.
Jedoch fand man Zusammenhänge zwischen den identifizierten Verletzungsmechanismen und dem MRT-Befund:
In allen zwölf Fällen war eine Verletzung des AITFL erkennbar. Allerdings war dieses nur in den neun Verletzungen nach Außenrotation und Dorsalflexion komplett durchtrennt. Bei zugrunde liegendem Supinations-Inversions-Mechanismus bestand nur eine partielle Ruptur des AITFL. Dahingegen wiesen diese drei Verletzungen eine zusätzliche Totalruptur des ATFL auf – eine solche Schädigung konnte in keinem der Fälle nach Außenrotation-Dorsalflexion beobachtet werden.
In zwei der Außenrotations-Dorsalflexions-Fälle war eine zusätzliche Beschädigung des PITFL ersichtlich.
Außenrotation & Dorsalflexion
75 % der untersuchten Fälle
Operative Versorgung in 4 Fällen notwendig
RTP-Dauer: 91 Tage
Totalruptur des AITFL
ATFL intakt
Beschädigung PIFTL in 2 Fällen
Supinations-Inversions-Mechanismus
25 % der untersuchten Fälle
Keine operative Versorgung notwendig
RTP-Dauer: 26 Tage
Partialruptur AITFL
Totalruptur ATFL
Restlicher Bandapparat intakt
Einordnung der Ergebnisse für die Praxis
Eine frühzeitige Diagnose von Syndesmoseverletzungen, insbesondere die Abgrenzung zu üblichen Verletzungen des Außenbands, kann sowohl für die optimale Reha-Gestaltung als auch für die mannschaftstechnische Personalplanung hilfreich sein.
Hochauflösende Videosequenzen, wie sie bereits bei etlichen Fußballspielen eingesetzt werden, können bei einer schnellen Klassifizierung helfen.
Anhand der durchgeführten Analysen konnten zwei Mechanismen hinter Syndesmoseverletzungen identifiziert werden: der Supinations-Inversions-Mechanismus und eine Kombination aus Außenrotation und Dorsalflexion.
Der Supinations-Inversions-Mechanismus wurde bereits in einigen Publikationen beschrieben. Trotz einer Verletzung zweier Strukturen (AITFL und ATFL) handelt es sich hierbei um eine unvollständige und somit weniger gravierende Syndesmoseverletzung. Zudem scheint eine Verletzung mit Beteiligung des ATFL aufgrund des dahinterstehenden Verletzungsmechanismus zu einer schnelleren Rückkehr zum Sport zu führen (im Vergleich zu Verletzungen ohne Beteiligung des ATFL).
Der am häufigsten in der Literatur beschriebene Verletzungsmechanismus ist die in der Studie ebenfalls genannte kombinierte Außenrotation und Dorsalflexion. Diese scheint zu höhergradigen Verletzungen (Grad II) der Syndesmose zu führen, was auch als mögliche Erklärung für die durchschnittlich längere RTP-Dauer gilt.
Abschließend weisen Jain et al. auf die kleine Stichprobengröße, die fehlende interne und externe Validität sowie weitere methodische Limitationen hin und geben eine klare Empfehlung für weitere Forschung in diesem Bereich ab.
Take Home Messages
Syndesmoseverletzungen sind im Profifußball weit verbreitet; der genaue Verletzungsmechanismus ist bisher jedoch nicht bekannt.
Mit Hilfe videotechnischer Analyse konnte man zwei Mechanismen identifizieren.
Eine kombinierte Außenrotation und Dorsalflexion scheint zu schwerwiegenderen Syndesmoseverletzungen sowie einem längeren RTP zu führen.
Verletzungen aufgrund einer Supinations-Inversions-Bewegung scheinen weniger gravierend und ermöglicht ein schnelleres RTP.
Der Einsatz von Hochauflösenden Videoaufnahmen kann bei einer schnellen Differenzierung und der entsprechenden Reha-Gestaltung hilfreich sein.
Quelle: Jain, N., Murray, D., Kemp, S., & Calder, J. (2023). Republication of "High-Speed Video Analysis of Syndesmosis Injuries in Soccer – Can It Predict Injury Mechanism and Return to Play? A Pilot Study". Foot & ankle orthopaedics, 8(3), 24730114231195048. https://doi.org/10.1177/24730114231195048
Autor: Julia Romacker
Reviewer: Nils Borgstedt
KI: Für die Recherche und die inhaltliche Erstellung des Beitrags kam keine künstliche Intelligenz zum Einsatz.
Interessenskonflikt: Der Autor gibt keinen Interessenkonflikt an.