Studienzusammenfassung
Review: Telerehab bei muskuloskelettalten Erkrankungen?

Das vorliegende systematische Review hat Validität und Reliabilität sicherer Videokonferenzen zur Behandlung von muskuloskelettalen Beschwerden überprüft.

Einleitung

Der Zugang zu Gesundheitsdiensten ist in ländlichen Gegenden (hier bezogen auf Canada) nicht so gut wie in urbanen Regionen. Daher wird vermutet, dass die Menschen auf dem Land um 30 Prozent häufiger an chronischen Rückenschmerzen und Arthrose leiden als in der Stadt. 

Im Bereich der muskuloskelettalen Gesundheit stellt die Physiotherapie den wichtigsten Bestandteil einer Behandlung dar. In ländlichen Gegenden ist sie jedoch unzureichend verfügbar. Innovative Strategien zur Verbesserung des Zugangs werden benötigt, wie beispielsweise Telerehabilitation. Eine Möglichkeit wären Videokonferenzen, in denen Physiotherapeuten oder anderweitig spezialisierte Therapeuten und Therapieassistenten sich mit den Patienten verbinden. Dieser Ansatz scheint ähnlich effektiv zu sein wie persönliche Behandlungen oder andere Kontrollmaßnahmen.

Mit dem vorliegenden systematischen Review sollten Validität und Reliabilität sicherer Videokonferenzen zur Behandlung von muskuloskelettalen Beschwerden überprüft werden.

Methodik

Für die Untersuchung wurden insgesamt 17 randomisierte kontrollierte Studien, quasi-experimentelle Studien, Cross-over Studien und Fallstudien der Jahre 2003 bis 2016 eingeschlossen. Die 121 Teilnehmer waren Erwachsene zwischen 18 und 80 Jahren mit mindestens dreimonatigen chronischen muskuloskelettalen Beschwerden. Verglichen wurde die physikalische Therapie über eine sichere Live-Videokonferenz mit einer herkömmlichen Behandlungsintervention. Erfasst wurden die Validität und Reliabilität der Intervention, Schmerzen, Funktion oder allgemeine spezifische Messungen des betroffenen Körperteils sowie prozessbezogene Ergebnisse, wie die Zufriedenheit und Erfahrung des Patienten und Anzahl der physiotherapeutischen Sitzungen.

Ergebnis

Die Analyse ergab, dass die Patienten mit der Verwendung von Videokonferenzen zufrieden waren. Allerdings zeigten die diagnostischen Vergleiche der Interventionen eine zu große Variabilität der gemessenen Ergebnisse, Methoden und Studiendesigns. Mehrere Interventionsstudien waren ungenau, aufgrund fehlender Randomisierungs- und Kontrollgruppen. Zudem war die Teilnehmerzahl insgesamt sehr gering. Alles in allem konnten nur drei Interventionsstudien mit geringem Bias identifiziert werden. Bezüglich der Validität konnte festgestellt werden, dass die Bewertung des Schulter-und Ellbogengelenkes, Nerventests am Ellenbogen, die Haltung der Lendenwirbelsäule und die Reliabilität für die Narbenbeurteilung am Knie nicht valide sind. Ansonsten waren die Inter- und Intra-rater Reliabilität für die Messungen der Schulter, Ellbogen, Lendenwirbelsäule, untere Extremität, Knie und Knöchel mit Ausnahme des Ellbogens valide und reliabel. Allerdings war nur die Intra-rater Reliabilität für eine Diagnose akzeptabel. 

Der Effekt der Telerehabilitation zeigte sich

  • in einer hohen bis sehr hohen Patientenzufriedenheit (in den drei Studien, die dies untersuchten)
  • weniger Schmerzen, verbesserte Funktion und höherer Vitalität (in einer nicht-randomisierten Studie) und
  • weniger Schmerzen und eine verbesserte Funktion bei Kniepatienten in einer nicht-randomisierten Studie ohne Kontrollgruppe.
  • Eine nicht-randomisierte, nicht-kontrollierte retrospektive Studie bei Veteranen zeigte eine hohe Zufriedenheit, eine verbesserte Funktion und Reise- und Kostenersparnisse bei Verwendung der Telerehabilitation.
  • Patienten mit Knieendoprothese erzielten durch die Telerehabilitation Verbesserungen der Funktion und Schmerzen im Vergleich zur Kontrollgruppe. Dies konnte nicht für Langzeitmessungen beobachtet werden, aber die kurzfristigen Effekte konnten von drei randomisierten kontrollierten Studien gezeigt werden. Daher ist davon auszugehen, dass Menschen mit Knieendoprothetik in ländlichen Gebieten von der Telerehabilitation profitieren werden. 

Zusammenfassung

Die Telerehabilitation zeigt zumindest kurzfristig ähnliche Ergebnisse wie herkömmliche Behandlungsinterventionen – wenn auch mit Einschränkungen. Eine Bewertung von Schulter-und Ellbogengelenk, Nerventests am Ellenbogen, die Haltung der Lendenwirbelsäule und die Reliabilität für die Narbenbeurteilung am Knie – trotz der genannten Bias – waren nicht valide. Zudem können durch die Telerehabilitation erheblich Kosten eingespart werden.

Kommentar

Die vorliegende Studie zeigt die positiven Effekte der Telerehabilitation in ländlichen Gegenden. Nicht aufgeführt wurde die Häufigkeit und Dauer der Interventionen, die für die Erfassung von langfristigen Ergebnissen notwendig wäre. Zudem müsste evaluiert werden, warum die Teilnehmerzahl grundsätzlich so gering ausfällt und wie man diese erhöhen kann. Wie die Autoren resümieren, erscheint eine widerholte Messung nicht sinnvoll, da Patienten die Bewegungen auf Dauer erlernen können und dadurch die Ergebnisse verfälscht würden.

Es werden weitere, ähnliche Tests benötigt, sinnvoll wären sicher auch Ganganalysen und allgemeine Krafttests des betroffenen Körperteils, um die Effektivität der Telerehabilitation zu überprüfen. Natürlich können die Physiotherapeuten den Patienten weder anfassen noch entsprechend korrigieren oder nachvollziehen, ob und wie sie die Übungen ausführen (ebenso wenig wie bei herkömmlichen Behandlungsinterventionen). Dafür ist davon auszugehen, dass die Körperwahrnehmung besser geschult wird als dies bei herkömmlichen Behandlungsinterventionen der Fall ist und somit langfristig eine Verbesserung zu erwarten ist.

Langfristige Verbesserungen könnten möglicherweise besser erfasst werden, wenn die Häufigkeit der Physiotherapie-Videokonferenzen und der durchgeführten Übungen außerhalb der Videokonferenz erfasst würden. Des Weiteren würde der Vergleich von einer rein Telerehabilitation-basierten Intervention mit einer herkömmlichen Behandlungsintervention und einer kombinierten Intervention tatsächliche Unterschiede und die mögliche langfristige Ergebnisse aufzeigen. 

Zusammengefasst erscheint die Telerehabilitation (bei korrekter Anleitung) grundsätzlich effektiv zu sein, insbesondere in ländlichen Gegenden ein probates Mittel zur Behandlung von muskuloskelettalen Beschwerden..

Primärliteratur

Grona SL, Bath B, Busch A, Rotter T, Trask C, Harrison E. Use of videoconferencing for physical therapy in people with musculoskeletal conditions: A systematic review. J Telemed Telecare. 2018 Jun;24(5):341-355. doi: 10.1177/1357633X17700781. Epub 2017 Apr 12. PMID: 28403669.

Text: Siri Goldschmidt

Bild: (c)OSINSTITUT