Wissensupdate
Return-to-Sport nach lateralen Sprunggelenksdistorsionen
Laterale Sprunggelenksdistorsionen, engl. Lateral Ankle Sprain (LAS), sind typische und immer wiederkehrende Verletzungen bei Sportler:innen. Bisher gibt es jedoch noch keinen einheitlichen Ansatz für Return-to-Sport nach LAS in der Praxis. Wagemans et al. vergleichen in ihrem Review bestehende wissenschaftliche Konzepte sowie Reha-Protokolle aus der Praxis und leiten mögliche Implementationen für die Optimierung des RTS-Prozesses für die Zukunft ab.
Hintergrund
Laterale Sprunggelenksdistorsionen gehören mit 11,88 % zu den häufigsten Verletzungen der unteren Extremität. Besonders hoch ist die Prävalenz in Sportarten mit hohen Geschwindigkeiten, Stoppbewegungen, häufigen Richtungswechseln und Sprung- und Landebewegungen, wie beispielsweise im Basketball, Handball, Volleyball und Fußball. Der exakte Verletzungsmechanismus variiert dabei je nach Sportart.
Mit 19 – 47 % weisen LAS eine extrem hohe Rezidivrate auf. Eine mögliche Erklärung hierfür ist ein zu früher Beginn post-Trauma: über 50% der betroffenen Athlet:innen kehren zurück, bevor sie ihren Status vor der Verletzung wieder erreicht haben und auch nach dem Return-to-Sport (RTS) klagen viele noch über Beschwerden und Einschränkungen.
RTS-Empfehlungen sollen dem entgegenwirken, jedoch gibt es nur wenig Evidenz für RTS-Rahmenkonzepte nach LAS. Zu den bisher bestehenden Konzepten gehören unter anderem die zwei verletzungsspezifischen Modelle „PAASS“ („Pain, Ankle impairments, Athlete perception, Sensorimotor control, Sports/functional performance“) und „Ankle-Go“, als auch die allgemeine RTS-Bewertung „StARRT“ („Strategic Assessment of Risk and Risk Tolerance“).
Ein einheitlicher Ansatz für die RTS-Entscheidung in der Praxis ist nach Wagemans et al. noch nicht vorhanden. Auch fehle es an sportspezifischen Tests und Kriterien.
Studiendesign und Fragestellung
Ziel der vorliegenden Studie war es deshalb, aktuelle RTS-Richtlinien zu beschreiben und kritisch zu untersuchen sowie mit im Spitzensport angewendeten RTS-Protokollen zu vergleichen. Dazu wurden die Rehabilitations- & RTS-Protokolle von sechs belgischen Spitzenteams unterschiedlicher Sportarten (Volleyball, Basketball, Hockey und Fußball) von zwei unabhängigen Autoren zunächst analysiert und anschließend den aktuell bestehenden Richtlinien gegenübergestellt.
Des Weiteren zielte die Studie darauf ab, den Ansatz zur RTS-Entscheidung durch die Verbindung von Rahmenkonzepten und der reellen klinischen Praxis zu optimieren.
Welche Ergebnisse haben sich gezeigt?
Zunächst wurden die aktuellen RTS-Richtlinien am Beispiel von „PAASS“, „StARRT“ und „Ankle-Go“ beschrieben.
Mit dem PAAS-Modell lassen sich Beeinträchtigungen bewerten, die für sportspezifische Anforderungen von entscheidender Bedeutung oder mit dem Risiko einer erneuten Verletzung verbunden sind. Dazu gehört die Analyse von Faktoren wie z.B. Schmerzgrad, Range of Motion (ROM) und Stabilität. Es wird jedoch nicht spezifiziert, wann und wie diese Bewertungskriterien am besten erhoben und objektiviert werden sollten. Zudem wurde das Modell primär für Spitzensportler:innen entwickelt und ist nicht direkt auf den Breiten- und Freizeitsport übertragbar.
Das StARRT-Modell bezieht sich hauptsächlich auf den Zustand des Gewebes selbst. Seine ersten zwei Schritte stimmen dabei weitestgehend mit den Bewertungskriterien des PAASS-Modells überein.
Das Ankle-Go-Rahmenkonzept besteht aus vier funktionellen Tests und zwei Fragebögen. Es ist die erste Testbatterie, die einen kriterienbasierten Ansatz zur objektiven Beurteilung des RTS nutzt. Zwar beinhaltet das Konzept funktionelle Tests, der Zustand des Gewebes wird – anders als beim StARRT-Modell – allerdings nicht berücksichtigt. Ähnlich wie der PAASS fokussiert sich die RTS-Entscheidungsfindung jedoch nur auf eine einzige Momentaufnahme. Der Zustand der Athlet:innen wird nicht kontinuierlich, über mehrere Zwischenschritte hinweg (z.B. „Return To Running“), beurteilt. Auch sportartspezifische Anforderungen werden nicht berücksichtigt.
Die Analyse der im Spitzensport verwendeten Rehaprotokolle ergab folgende Ergebnisse:
Fünf der sechs untersuchten Protokolle unterteilten den RTS-Prozess in verschiedene Phasen, die Namensgebung unterschied sich jedoch. Nur zwei der Protokolle beinhalteten Phasen zur On-field-rehabilitation (OFR), welche zum Beispiel aus Übungen zu schnellen Richtungswechseln oder Pass- und Abschlussübungen bestanden. Lediglich die „specific tests“ des STARRT-Rahmenkonzepts wurden in allen Protokollen durchgeführt. Fünf der Protokolle umfassten außerdem die Durchführung funktioneller Tests sowie die Betrachtung spezifischer Symptome. Alle sechs Protokolle erfassten entsprechend des PAASS-Modells die Faktoren ROM, Muskelfunktion, Springen und Hüpfen sowie Beweglichkeit. Bis auf ein Protokoll haben auch alle das Schmerzverhalten der letzten 24 Stunden evaluiert. Vier Protokolle verwendeten den üblichen „Side-Hop Test“ des Ankle-Go Modells, aber nur ein Protokoll bediente sich auch an dessen empfohlenen Fragebögen.
Allein ein Protokoll erfasste die „psychological readiness“, Faktoren wie Druck von außen wurden in keinem der Protokolle berücksichtigt. Auch Faktoren wie Propriozeption und die Fähigkeit eine gesamte Trainingseinheit zu vollziehen, wurden in keinem der Protokolle betrachtet.
Keines der sechs Teams inkludierte alle jeweiligen Elemente eines Rahmenkonzepts in seinen Protokollen.
Einordnung der Ergebnisse für die Praxis
Die untersuchten Konzepte bieten zwar wertvolle Orientierungshilfen, berücksichtigen jedoch weder die sportartspezifischen Anforderungen beim RTS, noch findet man eine einheitliche Verwendung der Frameworks in der Praxis.
Trotz starker wissenschaftlicher Belege, dass LAS mit Defiziten innerhalb des gesamten sensomotorischen Kontinuums in Verbindung gebracht werden kann, erfassen traditionelle RTS-Tests nur einen kleinen Teil dieses Kontinuums. So finden beispielsweise die reaktive Kraft oder das dynamische Gleichgewicht bei den vorgestellten Tests keine Beachtung. Die von Wagemans et al. vorgestellten Tests und Protokolle fokussieren sich überwiegend auf einzelne, isolierte Aspekte, wie Mobilität, Kraft, Sprünge oder Gleichgewicht, welche als separate „Checklistenpunkte“ agieren. Voneinander abhängige und dynamisch interagierende Fähigkeiten in den jeweiligen Sportsituationen werden dabei stark vernachlässigt. Die Rehabilitation gestaltet sich als komplexer und kontinuierlicher Prozess, weshalb ein einzelner finaler Test mit einer binären Entscheidung von „bereit“ oder „nicht bereit“ als kritisch zu erachten ist. Stattdessen sollten die RTS-Tests eher als Meilensteine innerhalb des Reha-Prozesses betrachtet werden, welche eine schrittweise Rückkehr in den Sport ermöglichen.
Auch elementare Faktoren wie die OFR, Propriozeption sowie die psychische Bereitschaft spielen in der Praxis aktuell noch eine untergeordnete Rolle. Dabei sollte vor allem der OFR innerhalb des Reha-Prozesses mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Kontrollierte Bedingungen bei Test-Settings verfälschen die tatsächliche Bereitschaft für eine Rückkehr zum Sport, da Faktoren wie Ermüdung oder Gegnerkontakt vernachlässigt werden. Dies gilt auch als mögliche Erklärung für die hohe Rezidivrate. Die OFR schließt die Lücke zwischen kontrollierten klinischen Settings und den unvorhersehbaren Anforderungen im Sport und sollte deshalb fest in das RTS-Kontinuum integriert werden.
Die Autoren schließen mit folgenden Vorschlägen zur Optimierung des RTS-Prozesses nach LAS:
Die Berücksichtigung der Ziele und Bedürfnisse von Patient:innen hilft bei der logischen und phasenförmigen Strukturierung des Rehaprozesses.
Der RTS-Prozess muss als Kontinuum betrachtet werden, welches mehrere Phasen und Komponenten umfasst sowie individuelle und sportartspezifische Faktoren berücksichtigt. Die OFR sollte dabei ein wesentlicher Bestandteil sein.
Die Tests sollten neben lokalen Gewebsstrukturen auch globale athletische Leistungs- und Belastungsparameter berücksichtigen.
Die Entscheidung zur Rückkehr zum Sport erfordert eine kontinuierliche und wiederholte Bewertung und sollte nicht anhand einer einmaligen Testung getroffen werden.
Zukünftige Forschung sollte sich auf die Entwicklung solch valider, phasenbasierter und sportspezifischer RTS-Kriterien konzentrieren, welche Therapeut:innen in ihrem Praxisalltag und der Entscheidungsfindung zur Rückkehr zum Sport unterstützen können.
Take Home Messages
Laterale Sprunggelenksdistorsionen, engl. Lateral Ankle Sprain (LAS), gehören zu den am häufigsten Verletzungen der unteren Extremität und weisen eine extrem hohe Rezidivrate auf.
Bestehende Konzepte erfassen weder den komplexen Prozess der Reha noch die sportartspezifischen Anforderungen der Athlet:innen. Es gibt keinen einheitlichen Ansatz für Return to Sport (RTS) nach LAS in der Praxis.
Die Entscheidung zur Rückkehr zum Sport erfordert eine kontinuierliche und wiederholte Bewertung und sollte nicht anhand einer einmaligen Testung getroffen werden.
Zukünftige RTS-Modelle sollten mehrere Phasen und Komponenten sowie individuelle und sportartspezifische Faktoren umfassen, als auch die On-Field-Rehabilitation berücksichtigen.
Quelle: Wagemans, J., Dingenen, B., & Tassignon, B. (2026). Return-to-sport following lateral ankle sprain: Connecting scientific frameworks and real-world protocols of elite sports teams. Physical therapy in sport: official journal of the Association of Chartered Physiotherapists in Sports Medicine, 78, 101899. Advance online publication. https://doi.org/10.1016/j.ptsp.2026.101899
Autor: Julia Romacker
Reviewer: Nils Borgstedt
KI: Für die Recherche und die inhaltliche Erstellung des Beitrags kam keine künstliche Intelligenz zum Einsatz.
Interessenkonflikt: Der Autor gibt keinen Interessenkonflikt an.