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Return-to-Play-Kriterien nach einer Hamstringverletzung im Profifußball: ein Scoping-Review

Dieses Scoping-Review zeigt, dass Return-to-Play nach Hamstringverletzung bei männlichen Profifußballern auf einer Kombination klinischer, Kraft- und Performance-Kriterien beruhen sollte; Einzelkriterien sind unzureichend, ein multimodaler Ansatz ist sinnvoll.

Hintergrund

Hamstringverletzungen (hamstring strain injuries; HSI) sind die am häufigsten berichteten Verletzungen im professionellen Fußball. In europäischen Proficlubs ist im Durchschnitt mit etwa 7 HSI pro Saison bzw. mit 0,3 bis 1,9 HSI pro 1000 Belastungsstunden zu rechnen (Diemer et al., 2021). Über einen Zeitraum von 21 Jahren stieg der Anteil der berichteten Hamstringverletzungen von 12 % in der Saison 2001/02 auf 24 % in der Saison 2021/22 (Ekstrand et al., 2023). Ausfallzeiten im Profifußball sind sowohl für den einzelnen Athleten als auch für den Verein nachteilig, da sie mit finanziellen Verlusten und negativen Auswirkungen auf die sportliche Leistung verbunden sind.

Ein weiteres Problem ist die hohe Rezidivrate nach HSI. Im professionellen Fußball waren etwa 18 % aller berichteten HSI Rezidivverletzungen, von denen die meisten innerhalb von zwei Monaten nach dem Return-to-Play (RTP) auftraten.

Im Profifußball müssen RTP-Entscheidungen unter erheblichem externem Druck durch Athleten, Trainerstab und weitere Stakeholder getroffen werden. Objektive Kriterien zur Unterstützung des Entscheidungsprozesses sind daher von zentraler Bedeutung, um fundierte Entscheidungen zu treffen und das Risiko von Rezidivverletzungen zu reduzieren. Obwohl mehrere Studien RTP-Kriterien für HSI in unterschiedlichen Sportarten und auf verschiedenen Leistungsniveaus untersuchen, gibt es nur wenige Arbeiten, die sich explizit mit RTP-Kriterien bei professionellen Fußballspielern befassen.

Studiendesign und Fragestellung

Ziel dieses Reviews war es, die in der Literatur beschriebenen Kriterien zu analysieren, die herangezogen werden, um professionelle Fußballspieler nach einer HSI für die Rückkehr zum Spiel freizugeben, sowie Kriterien zu identifizieren, die eine objektive Vorhersage der Ausfallzeit ermöglichen. Folgende elektronische Datenbanken wurden durchsucht: PubMed, MEDLINE, Web of Science und SPORTDiscus, unter Verwendung von Suchbegriffen zu Hamstringverletzungen (HSI) im Elitefußball. Eingeschlossen wurden alle englischsprachigen Studien, die mindestens ein Return-to-Play-Kriterium für professionelle Fußballspieler nach einer HSI beschrieben.

Welche Ergebnisse haben sich gezeigt?

Insgesamt erfüllten 19 Studien die Einschlusskriterien. Die Literaturrecherche zeigte eine deutliche Heterogenität sowohl in den verwendeten RTP-Kriterien als auch in der Definition der unterschiedlichen RTP-Phasen. Daher wurde eine Einteilung der Kriterien in klinische, Kraft- und Performance-Kriterien vorgeschlagen. Klinische Kriterien werden vor allem in den frühen Rehabilitationsphasen eingesetzt, um die Fähigkeit der Spieler zu beurteilen, wieder funktionelle und körperlich anspruchsvolle Aktivitäten auszuführen.

Die Rolle der medizinischen Abteilungen der Vereine ist zentral für die Diagnostik und die klinische Beurteilung des Verletzungsverlaufs. Wird eine Hamstringverletzung operativ behandelt, sollte die Einschätzung des Chirurgen zur Steuerung der weiteren Progression berücksichtigt werden.

Das in diesem Scoping-Review am häufigsten genutzte klinische Kriterium war die Schmerzfreiheit. Die eingeschlossenen Studien beschrieben Schmerzfreiheit bei Palpation, während Krafttests und bei funktionellen Aktivitäten, jedoch ohne genau zu spezifizieren, wie diese erhoben wurde.

Auch die Hamstring-Flexibilität wurde als nützliches Instrument zur Beurteilung des Return-to-Play (RTP) beschrieben (Delvaux et al., 2013; Dunlop et al., 2020; van der Horst et al., 2017; Zambaldi et al., 2017). Van der Horst et al. (2017) berichteten, dass sich das Expertenpanel darauf einigte, die Hamstring-Flexibilität sowohl mittels aktivem als auch passivem Straight-Leg-Raise-Test zu beurteilen. Der Askling-H-Test wurde zwar in zwei Delphi-Studien erwähnt, erreichte jedoch keinen Konsens.

Es ist bekannt, dass der häufigste Verletzungsmechanismus der Hamstrings während der späten Schwungphase eines Sprints auftritt, wenn die Hamstringmuskulatur hohe exzentrische Kräfte erzeugen muss. Daher haben zahlreiche Autoren die Bedeutung des exzentrischen Krafttrainings in der Rehabilitation von HSI hervorgehoben sowie die Rolle des exzentrischen Hamstringtrainings in der Verletzungsprävention betont.

Trotz der genannten Bedeutung der exzentrischen Kraft gibt es in diesem Review nur begrenzte und widersprüchliche Evidenz für den Einsatz exzentrischer Kraftmessungen als RTP-Kriterium.

Einordnung der Ergebnisse für die Praxis

Obwohl HSI im professionellen Fußball sehr häufig auftreten, verdeutlicht dieses Review, wie begrenzt die qualitativ hochwertige Evidenz ist, die uns für eine optimale klinische Entscheidungsfindung zur Verfügung steht. Dennoch liefern die Ergebnisse wertvolle praxisrelevante Hinweise: In der Frühphase der Rehabilitation sollte die Beurteilung von Schmerz bei Palpation und Belastung, in Kombination mit der professionellen Einschätzung der Mitglieder der medizinischen Abteilung, eine zentrale Rolle spielen. Im weiteren Rehabilitationsverlauf wird jedoch deutlich, die RTP-Entscheidungen mit mehr objektiven Kriterien zu ergänzen, insbesondere durch Tests der aktiven und passiven Flexibilität und Kraft, um das Risiko von Rezidivverletzungen zu reduzieren. Wie mittlerweile auch bei anderen Verletzungen etabliert, sollte zudem der psychologischen Einsatzbereitschaft (psychological readiness) der Athleten eine angemessene Bedeutung beigemessen werden.

 Take Home Messages:


 Quelle: Perna, P., Kerin, F., Greig, N., & Beato, M. (2025). Return-to-play criteria following a hamstring injury in professional football: a scoping review. Research in sports medicine (Print), 33(2), 175–194. https://doi.org/10.1080/15438627.2024.2439274

Autor: Dr. Martin Ophey

Reviewer: Nils Borgstedt

KI: Für die Recherche und die inhaltliche Erstellung des Beitrags kam keine künstliche Intelligenz zum Einsatz.

Interessenskonflikt: Der Autor gibt keinen Interessenkonflikt an.