Wissensupdate
Rehabilitation nach Bankart-OP: Neue Empfehlungen der BESS
Die British Elbow & Shoulder Society, BESS, gibt neue Empfehlungen zur Rehabilitation nach arthroskopischer Schulterstabilisierung. Im Fokus stehen Immobilisation, frühe Mobilisation, Belastungsaufbau und Return to Sport. Die Empfehlungen beruhen jedoch überwiegend auf Expertenkonsens bei begrenzter Evidenz.
Hintergrund
Die traumatische anteriore Schulterinstabilität ist durch eine übermäßige anteriore Translation des Humeruskopfes gegenüber der Glenoidfläche infolge eines Traumas gekennzeichnet und tritt besonders häufig bei jungen, aktiven Menschen auf. Nach einer Erstluxation liegt das Risiko einer erneuten Luxation – abhängig unter anderem von Sport, Lebensstil, Alter, Geschlecht, Beruf und ligamentärer Laxität – zwischen 21 und 88 %. Bei strukturellen Schäden und persistierenden Beschwerden kann eine operative Stabilisierung erforderlich werden.
Die arthroskopische Schulterstabilisierung, auch als Bankart-Repair bezeichnet, ist das häufigste operative Verfahren bei anteriorer Schulterinstabilität. Eine postoperative Rehabilitation wird zur Optimierung der Behandlungsergebnisse empfohlen. Allerdings fehlen bislang auf robusten klinischen Studien basierende Rehabilitationsleitlinien und hochwertige Evidenz für konkrete Rehabilitationsentscheidungen. Entsprechend bestehen erhebliche Unterschiede in der klinischen Praxis, beispielsweise hinsichtlich Immobilisationsdauer, Beginn der Mobilisation und Return to Sport.
Fragestellung und Studiendesign
Um diese Unsicherheiten zu adressieren, beauftragte die BESS 2021 ihre Allied Health Professional Clinical Guideline Group mit der Aufarbeitung der aktuellen Praxis und der Entwicklung klinischer Empfehlungen. Die vorliegende Evidenzsynthese integriert die aktuelle britische Praxis, britischen Expertenkonsens und internationale Evidenz. Ziel ist es, Übereinstimmungen und Unsicherheiten herauszuarbeiten und daraus Empfehlungen für die klinische Praxis sowie zukünftige Forschung abzuleiten.
Welche Ergebnisse haben sich gezeigt?
Die aktualisierte Literatursuche identifizierte insgesamt 24 Publikationen mit 28 Protokollen. Aufgrund der begrenzten hochwertigen Evidenz basieren die Empfehlungen daher wesentlich auf Expertenkonsens und klinischer Praxis.
Insgesamt wurden 10 zentrale Rehabilitationsbereiche definiert. Empfohlen werden eine etwa dreiwöchige Immobilisation mit einer Schlinge, gleichzeitig aber bereits früh kontrollierte Bewegungen: während der Immobilisation Elevation bis 90° in bzw. anterior der Scapulaebene und Außenrotation bis Neutralstellung. Passive, aktiv-assistive und aktive Bewegungen können innerhalb dieses Bereichs bereits in den ersten zwei Wochen begonnen werden. Widerstandsübungen sind früh in einem individuell vereinbarten Bewegungsbereich möglich; Widerstand über den vollen ROM erst nach sechs Wochen, sofern kein beschleunigtes Rehaprotokoll vereinbart wurde.
Für die spätere Rehabilitation sollen funktionelle und physische Meilensteine und das Vertrauen der Patient:innen die Progression wesentlich mitbestimmen. Auch die Rückkehr zum Sport soll sich an Funktion, Vertrauen und funktionellen Kriterien orientieren; für Kontaktsport wird zusätzlich der Beginn eines Return to Sport nach frühestens 12 Wochen empfohlen. Insgesamt betonen die Autor:innen eine individualisierte, klinisch begründete Rehabilitation und die Kommunikation zwischen Operateur und Rehabilitationsteam.
Einordnung der Ergebnisse für die Praxis
Die Entwicklung solcher Konsense ist für die klinische Praxis von großer Bedeutung: Sie bündeln die verfügbare Evidenz, klinische Erfahrung und Expertenmeinungen und schaffen damit Orientierung in einem Bereich, in dem bislang einheitliche Rehabilitationsstandards fehlen. Gleichzeitig macht die Arbeit deutlich, dass die wissenschaftliche Grundlage für die Rehabilitation nach arthroskopischer Schulterstabilisierung noch vergleichsweise unsicher ist – deutlich unsicherer als beispielsweise in der Rehabilitation nach VKB-Rekonstruktion. Viele Empfehlungen beruhen daher primär auf Expertenkonsens und weniger auf hochwertigen vergleichenden Studien.
Für den Return to Sport (RTS) empfehlen die Autor:innen, die Entscheidung nicht allein zeitbasiert zu treffen. Sowohl bei Nullkontakt- als auch bei Kontaktsportarten sollen Funktion, Vertrauen der:des Patient:in in die Schulter und funktionelle Meilensteine berücksichtigt werden. Als konkrete funktionelle Marker erreichte im Experten-Delphi Konsens, dass sich die:der Patient:in beim Weight-Bearing über die betroffene Schulter (74 % Konsens) sowie beim Bewegen in die und aus der 90°-Abduktions-/Außenrotationsposition (71 %) sowohl fähig als auch sicher bzw. zuversichtlich fühlen sollte. Für die Rückkehr zum Kontaktsport wird zusätzlich eine zeitliche Untergrenze von mindestens 12 Wochen postoperativ empfohlen, bevor mit einem Return to Sport begonnen wird.
Bemerkenswert ist jedoch auch, welche Kriterien keinen Expertenkonsens erreichten: ein negativer Apprehension-Test (60 %), psychologische Readiness (49 %) und Kinesiophobie (49 %).
In der Befragung der klinischen Praxis wurden darüber hinaus unter anderem SIRSI, OSIS, Force-Plate-Testing und sportspezifische Testverfahren genannt. Aus diesen Angaben lassen sich jedoch keine validierten RTS-Testbatterien oder belastbaren Cut-off-Werte ableiten.
Damit bleibt eine für die Praxis wichtige Unsicherheit bestehen: Wissenschaftlich gut abgesicherte RTS-Kriterien nach arthroskopischer Schulterstabilisierung fehlen derzeit. Die Autor:innen fordern deshalb ausdrücklich weitere Forschung zu RTS-Kriterien und geeigneten Zeitpunkten für unterschiedliche Sportarten.
Take Home Messages
Frühe Mobilisation ist möglich: Während der Immobilisation kann kontrollierte Bewegung bis 90° Elevation und Außenrotation bis Neutralstellung erfolgen.
Progression nicht nur nach Zeit: Funktionelle und physische Meilensteine und das Vertrauen der Betroffenen in ihre Schulter sollten die Rehabilitation wesentlich mitsteuern.
RTS sollte kriteriumsorientiert erfolgen: Weight-Bearing sowie sicheres Bewegen in und aus 90° Abduktion/Außenrotation werden als funktionelle Marker empfohlen; für Kontaktsport gilt: Beginn Return to Sport nach frühestens 12 Wochen.
Die Evidenz bleibt begrenzt: Viele Empfehlungen beruhen auf Expertenkonsens. Validierte RTS-Testbatterien und belastbare Cut-off-Werte nach arthroskopischer Schulterstabilisierung fehlen bislang.
Quelle: Wong, C., Jaggi, A., Willmore, E., Maher, N., Bateman, M., O'Sullivan, J., Blacknall, J., Horsley, I., Gibson, J., Rugg, B., & Chester, R. (2026). Critical evidence synthesis on rehabilitation following arthroscopic shoulder stabilisation surgery for traumatic anterior instability: consensus recommendations for clinical practice and research - commissioned by the British Elbow & Shoulder Society. British journal of sports medicine, 60(2), 98–107. https://doi.org/10.1136/bjsports-2025-109674https://doi.org/10.2519/jospt.2025.13445
Der Artikel ist ‘open access‘ publiziert.
Autor: Dr. Martin Ophey
Reviewer: Nils Borgstedt
KI: Für die inhaltliche Erstellung des Beitrags kam keine künstliche Intelligenz zum Einsatz.
Interessenkonflikt: Der Autor gibt keinen Interessenkonflikt an.