Nachgefragt
REDs im Sport – und nun? 3 Fragen an Laura-Sophie Usinger
Beim Relativen Energiedefizit im Sport, kurz REDs, handelt es sich um einen Symptomkomplex, der durch einen Mangelzustand aufgrund einer zu geringen Energieverfügbarkeit verursacht wird. Das bedeutet, dass dem Körper, abzüglich des Trainingsenergieverbrauchs, nicht mehr ausreichend Energie für die Aufrechterhaltung diverser Funktionen und Prozesse zur Verfügung steht. Laura-Sophie Usinger hat uns drei Fragen dazu im Kurzinterview beantwortet.
Die Sportwissenschaftlerin Laura-Sophie Usinger unterrichtet an der Deutschen Sporthochschule Köln und an der Bundessportakademie in Innsbruck zum Thema „Frauen im Sport“. Ihre Schwerpunktthemen sind hierbei „Menstruationszyklusbasiertes Training“ und „REDs“. Im Juli spricht sie auf unserem 12. Jahreskongress, im April bereits ist sie Referentin im Onlineseminar „Relatives Energiedefizit im Sport (REDs) – richtiger Umgang mit einem weitverbreiteten, aber oft spät erkannten Syndrom“. Wir haben ihr vorab schon ein paar Fragen gestellt.
Laura, REDs wird oft gar nicht erkannt bzw. häufig unterschätzt. Warum ist das so?
REDs kann sich in einer Vielzahl an Symptomen zeigen. Offensichtliche Symptome wie das Ausbleiben der Periode, fehlende Morgenerektionen und Ermüdungsbrüche sind Klassiker, müssen aber nicht immer Teil der Auswirkungen sein. Wenn sich die Symptome eher durch Inkontinenz, Schlafstörungen und Ängstlichkeit zeigen, sind wir schnell bei scheinbar unspezifisch wirkenden Symptomen, die nicht zwingend zusammen in Kontext gesetzt werden.
Das andere recht banale Problem ist, dass das Syndrom tatsächlich unzureichend bekannt ist. Selbst etablierte Ärztinnen und Ärzte machen oft große Augen, wenn sie das erste Mal von REDs hören. Dann ist es natürlich nicht verwunderlich, wenn die Diagnosen nicht gestellt werden können, und die Sportlerinnen zahlreiche Anläufe und Kontaktpersonen brauchen, bis ihnen geholfen und nicht nur die Symptomatik behandelt wird.
Welche klaren Warnhinweise gibt es für Trainer:innen / Betreuer:innen?
Ein Ausbleiben der Periode, fehlende Morgenerektionen – schlechter im Gespräch rauszubekommen, aber für alle Sportler ein wichtiges Indiz –, wiederkehrende Ermüdungsbrüche ohne traumatische Einwirkung: das sind die stärksten Warnhinweise, bei denen ein REDs dann auch schon relativ lange zu bestehen scheint. Auch Symptome wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit, fehlende Trainingsanpassungen, schlechte Regeneration, für die man zunächst keine Erklärung hat, kommen sehr oft dazu. Außerdem sollte man aufmerken, wenn das Thema Essen sehr präsent ist und eher kontrolliert und nicht intuitiv wirkt oder Essstörungen bekannt sind.
Gerade in gewichtssensiblen Sportarten spielt REDs oft eine Rolle. Müssen die jeweiligen Verbände hier noch mehr reglementieren (BMI, MI Werte), Schutzsperren? Im Klettern zum Beispiel hat es ja in der Vergangenheit kontroverse Diskussionen geben, da der Weltverband IFSC von Medizinern entwickelte Konzepte und „Warnsysteme“ zunächst nicht umgesetzt hat.
Interessanterweise betreue ich gerade eine Athletin mit REDs, die eine sogenannte Schutzsperre ihres Verbandes bekommen hat. Dass der Verband die Problematik grundsätzlich auf dem Schirm hat, ist super. Was allerdings gar nicht gut gelaufen ist, ist dass der Athletin ein pauschales Gewicht genannt wurde, dass sie zulegen sollte – in meinen Augen war das sehr willkürlich gewählt. Außerdem wurde ihr keinerlei Unterstützung, Aufklärung oder langfristige Ernährungsbetreuung an die Hand gegeben. Sie hat dann zwar zugenommen und durfte wieder starten, das REDs bestand aber weiterhin.
Gewicht zuzunehmen kann sinnvoll sein, ist aber nicht immer die Lösung. Eine Heilung von REDs beinhaltet in erster Linie eine ausgeglichene Energiebilanz. Das bedeutet: ausreichendes Essen zu den richtigen Zeitpunkten, auf das und mit dem Training abgestimmt. Es geht eben nicht primär um eine Gewichtszunahme.
Wir brauchen also eine umfängliche Anamnese, Diagnostik und vor allem längerfristig begleitende Therapie im Spitzensport. Es ist ein Rehaprozess, der, wie bei anderen Sportverletzungen, Zeit und engmaschiger Betreuung bedarf.
Die Fragen stellte Nils Borgstedt
Zur Interviewpartnerin
Laura-Sophie Usinger arbeitet selbstständig als Coach im Ausdauersport und betreut Profi- und Amateurtriathleten, Läufer und Biathleten. Sie geht Lehrtätigkeiten an der Deutschen Sporthochschule Köln und an der Bundessportakademie in Innsbruck zum Thema „Frauen im Sport“ nach. Ihre Schwerpunktthemen sind hierbei „Menstruationszyklusbasiertes Training“ und „REDs“. Sie studierte Sportwissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt und Sportmanagement an der TU Darmstadt. Sie ist außerdem Gründerin des ESCAPE-Netzwerks (Exercise Science Coaching and Performance Enhancement), das den Austausch von Sportwissenschaftlern, Ärzten und praktizierenden Coaches zwischen Wissenschaft und Praxis fördert.