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Lumbopelvine Kontrolle und Rückenschmerzen – Interview mit Prof. Dr. Luomajoki

Prof. Dr. Hannu Luomajoki ist Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Er leitet dort das Master Programm muskuloskelettale Physiotherapie. Am 15.04.2021 ist er Gastdozent bei unserem Onlineseminar „Vertiefung: Lumbopelvine Kontrolle beurteilen und verbessern“. Wir haben uns im Kurzinterview mit ihm über den Zusammenhang von Rückenschmerz und Lumbopelviner Kontrolle unterhalten.

Warum sollte ich als Therapeut die Lumbopelvine Kontrolle im Fokus haben?

Patienten mit Rückenschmerzen sind sehr häufig – wir sprechen hier von etwa 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland. Das sind etwa 10-15 Millionen Erwachsene, die wenigstens moderate Rückenschmerzen haben. Von diesen weisen 30 Prozent eine Dysfunktion in der Bewegungskontrolle auf. Mit spezifischen Tests und Übungen kann man sie gut beraten, behandeln und ihnen helfen.

Welche aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es bezüglich des Zusammenhangs Rückenschmerz und lumbale Kontrolle?

Die wissenschaftliche Forschung der letzten Jahre hat deutlich gemacht, dass Rückenschmerzen häufig mit Dysfunktionen in der Bewegungskontrolle korrelieren. Mehrere RCTs zur Effektivität und eine Meta-Analyse, die wir durchgeführt haben, konnten außerdem zeigen, dass bei Dysfunktionen der Bewegungskontrolle spezifische Übungen effektiver sind als allgemeine Übungen. Darüber hinaus sind auch die Validität und Reliabilität der Tests mittlerweile sehr gut beschrieben.


Seminarhinweis:

15.04.2021 Vertiefung: „Lumbopelvine Kontrolle beurteilen und verbessern“ mit Prof. Dr. Hannu Luomajoki.

Unter anderem werden hier die im Interview genannten Tests und Übungen vorgestellt und mit den Teilnehmern diskutiert.

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Was bedeuten das für die therapeutische Praxis?

Es handelt sich um sehr einfache und klare Tests. Stellt sich heraus, dass der Patient zur genannten Subgruppe – Rückenschmerz plus Dysfunktion der Bewegungskontrolle – ist es anhand des klinischen Musters klar und einfach, einen Übungsplan für ihn zu erstellen. Die Tests geben dem Therapeuten also eine Idee, in welche Richtung die Behandlung und das Training gestaltet werden können.

Welche Literatur können Sie unseren Lesern und Seminarteilnehmern empfehlen?

Hier gibt es eine ganze Menge. Ich würde folgende Arbeiten zur Lektüre empfehlen:

  • Aasa, B., Berglund, L., Michaelson, P. & Aasa, U. 2015. Individualized low-load motor control exercises and education versus a high-load lifting exercise and education to improve activity, pain intensity, and physical performance in patients with low back pain: a randomized controlled trial. J Orthop Sports Phys Ther, 45, 77-85, B1-4.
  • Lethola, V., Luomajoki, H., Leinonen, V., Gibbons, S. & Airaksinen, O. 2016. Sub-classification based specific movement control exercises are superior to general exercise in sub-acute low back pain when both are combined with manual therapy: A randomized controlled trial. BMC Musculoskelet Disord, 17, 135.
  • Luomajoki, H., Kool, J., De Bruin, E. D. & Airaksinen, O. 2008. Movement control tests of the low back; evaluation of the difference between patients with low back pain and healthy controls. BMC Musculoskelet Disord, 9, 170.
  • Luomajoki, H., Kool, J., De Bruin, E. D. & Airaksinen, O. 2007. Reliability of movement control tests in the lumbar spine. BMC Musculoskelet Disord, 8, 90.
  • Luomajoki, H., Bonet Beltran, M. B., Careddu, S. & Bauer, C. M. 2018. Effectiveness of movement control exercise on patients with non-specific low back pain and movement control impairment: A systematic review and meta-analysis. Musculoskelet Sci Pract, 36, 1-11.
  • Sahrmann, S. 2002. Diagnosis and Treatment of Movement Impairment Syndromes, St. Louis, Missouri. USA, Mosby, Inc.
  • Sahrmann, S. 2010. Movement System Impairment Syndromes of the Extremities, Cervical and Thoracic Spines, Mosby.

Das Gespräch führte Nils Borgstedt

​Interviewpartner Prof. Dr. PD Hannu Luomajoki

ist Dipl.-Physiotherapeut (OMT) mit einem Master in Manueller Therapie. Er promovierte 2010 und habilitierte 2016 in Finnland. Seit 2007 leitet er das Masterprogramm für muskuloskeletale Physiotherapie

in der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und betreut Masterarbeiten und Promotionsprojekte. Als Redner war er bereits bei zahlreichen nationalen und internationalen Kongressen zu Gast und publizierte über 30 peer-reviewed Forschungsartikel sowie 40 Fachartikel. Er ist Reviewer und gehört zum wissenschaftlichem Beirat diverser Fachzeitschriften, unter anderem der Zeitschrift "Manuelle Medizin" . Prof. Luomajoki beschäftigt sich darüber hinaus mit der Kosteneffektivität im Gesundheitswesen sowie dem Einsatz neuer Technologien in der Physiotherapie.