Wissensupdate
Krafttraining bei Schulterschmerz: Ein systematischer Review mit Meta-Analyse
Bei rotatorenmanschettenbedingten Schulterschmerzen verbessert aktive Rehabilitation die Schulterkraft. Die größten Effekte zeigen Interventionen mit Krafttraining. Programme ohne aktive Übungen führen dagegen zu keiner relevanten Verbesserung der Kraft.
Hintergrund
Schulterschmerzen gehören weltweit zu den häufigsten Gründen für medizinische Versorgung. Eine der häufigsten Diagnosen ist der rotatorenmanschettenbezogene Schulterschmerz (rotator cuff–related shoulder pain, RCRSP). Der Begriff umfasst verschiedene Beschwerdebilder wie subakromiale Schmerzen, Impingement-Syndrom, Rotatorenmanschetten-Tendinopathien, unspezifische Schulterschmerzen und Rotatorenmanschettenrupturen und vermeidet damit eine rein pathoanatomische Zuordnung der Beschwerden.
Menschen mit RCRSP weisen häufig Kraftdefizite auf, die mit funktionellen Einschränkungen und einer geringeren Lebensqualität assoziiert sind. Aktive Übungen werden daher in Leitlinien empfohlen und können Schmerzen und Funktion verbessern. Unklar ist jedoch, in welchem Ausmaß aktive Rehabilitation tatsächlich die Schulterkraft verbessert, da bisherige Reviews Kraft nicht als Outcome untersuchten und sich die eingesetzten Trainingsprogramme deutlich unterscheiden.
Fragestellung und Studiendesign
Das primäre Ziel dieses systematischen Reviews war es, die Effekte von Rehabilitationsinterventionen auf die Schulterkraft bei Patient:innen mit RCRSP zu untersuchen. Außerdem untersuchten die Autor:innen die Effekte verschiedener Arten von Krafttrainingsinterventionen sowie den Einfluss der Interventionsdauer auf die Schulterkraft.
Es handelt sich um einen systematischen Review mit Meta-Analyse. Eingeschlossen wurden klinische und Kohortenstudien mit Erwachsenen mit RCRSP, die mindestens sechs Wochen dauerten und objektive Kraftmessungen beinhalteten. Sieben Datenbanken wurden bis April 2024 durchsucht. Die Kraftdaten wurden nach Bewegungsrichtung gruppiert und die Veränderungen vom Ausgangswert bis zum Follow-up meta-analytisch ausgewertet.
Welche Ergebnisse haben sich gezeigt?
In die Meta-Analyse wurden 28 Studien eingeschlossen. Rehabilitationsinterventionen hatten einen moderaten Effekt auf die Kraft der Schulteraußenrotation (SMD 0,56; 95%-KI 0,39–0,74) und einen kleinen Effekt auf die Kraft bei Abduktion (SMD 0,47; 95%-KI 0,32–0,63), Innenrotation (SMD 0,41; 95%-KI 0,30–0,52), Flexion (SMD 0,25; 95%-KI 0,01–0,49) und Abduktion in der Skapula-Ebene (Scaption) (SMD 0,48; 95%-KI 0,27–0,70). Interventionen, die Krafttraining oder aktive Übungen beinhalteten, hatten kleine bis moderate Effekte auf alle Kraftparameter. Interventionen ohne Übungen oder Krafttraining zeigten keine Effekte.
Die Autor:innen schlussfolgern daraus, dass aktive Übungen die Schulterkraft bei Personen mit RCRSP verbessern und insbesondere Krafttraining zur Behandlung bestehender Kraftdefizite empfohlen werden kann.
Einordnung der Ergebnisse für die Praxis
Viele Studien, die aktive Übungen bei RCRSP untersuchen, erfassen Kraft gar nicht als Outcome. Umso bemerkenswerter ist, dass die Autor:innen für ihre Meta-Analyse 28 Studien mit insgesamt 56 Interventionsarmen einschließen konnten. Dabei zeigt sich eine klinisch relevante Botschaft: In Studienarmen mit ausschließlich passiven Maßnahmen, Edukation oder ohne Intervention wurden keine Kraftzuwächse festgestellt. Kraftzunahme scheint also kein „Nebenprodukt“ einer allgemeinen Beschwerdebesserung zu sein – wer stärker werden will, muss Kraft auch gezielt trainieren.
Dass die beobachteten Kraftzuwächse überwiegend klein bis moderat ausfallen, sollte dabei nicht enttäuschen. Bei Patient:innen mit RCRSP und einer Interventionsdauer von lediglich 6 bis 12 Wochen sind solche Veränderungen durchaus beachtlich. Gleichzeitig darf mehr Kraft nicht mit weniger Schmerz gleichgesetzt werden: Die Autor:innen weisen ausdrücklich darauf hin, dass Verbesserungen der Kraft nicht zwangsläufig mit Verbesserungen von Schmerz und Funktion einhergehen – und umgekehrt.
Kraftzuwachs bleibt dennoch ein wichtiges Rehabilitationsziel, beispielsweise für die Rückkehr zu körperlich oder sportlich anspruchsvollen Aktivitäten. Die Trainingsintensität sollte dabei an die individuelle Reaktivität der Schulter angepasst werden. Bei hoher Reaktivität sollte weitgehend schmerzfrei und ohne relevante Nachreaktion trainiert werden; bei moderater Reaktivität können leichte Beschwerden während und nach dem Training toleriert werden, sofern sie bis zum nächsten Morgen wieder abgeklungen sind. Ziel ist damit nicht möglichst schmerzfreies Training um jeden Preis, sondern ein ausreichend hoher Trainingsreiz bei gleichzeitig tolerierbarer Symptomreaktion.
Take Home Messages
Aktive Rehabilitation verbessert die Schulterkraft bei RCRSP.
Ohne aktive Übungen sind keine relevanten Kraftzuwächse zu erwarten.
Bereits 6–12 Wochen Training führen zu kleinen bis moderaten Kraftzuwächsen.
Mehr Kraft bedeutet nicht automatisch weniger Schmerz oder bessere Funktion.
Quelle: Zhang, B., Raguzzi, I. A., Dupuis, F., Gianola, S., Morgan-Daniel, J., Roy, J. S., & Pozzi, F. (2026). Addressing Shoulder Weakness in Individuals With Rotator Cuff-Related Shoulder Pain: A Systematic Review With Meta-analysis. The Journal of orthopaedic and sports physical therapy, 56(2), 67–84. https://doi.org/10.2519/jospt.2025.13445
Der Artikel ist ‘open access‘ publiziert.
Autor: Dr. Martin Ophey
Reviewer: Nils Borgstedt
KI: Für die inhaltliche Erstellung des Beitrags kam keine künstliche Intelligenz zum Einsatz.
Interessenkonflikt: Der Autor gibt keinen Interessenkonflikt an.