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Juvenile Osteochondritis dissecans: Prävalenz & Trends

Juvenile Osteochondritis dissecans (JOCD) des Knies ist eine relevante Ursache belastungsabhängiger Beschwerden im Jugendalter. Diese populationsbasierte Studie untersucht Prävalenz und zeitliche Trends bei Jugendlichen und liefert wichtige Hinweise zur epidemiologischen Entwicklung dieser Erkrankung.

Hintergrund

Die Osteochondritis dissecans (OCD) ist eine erworbene Gelenkerkrankung. Sie ist durch die Ablösung von Gelenkknorpel und subchondralem Knochen vom darunterliegenden Knochen gekennzeichnet. Die Ätiologie ist nicht abschließend geklärt und umfasst wahrscheinlich mechanische, biologische und anatomische Faktoren. Die Erkrankung verläuft in Stadien – von initialen Knorpelveränderungen bis hin zu freien Gelenkkörpern. Am häufigsten ist das Kniegelenk betroffen. Die klinischen Symptome sind unspezifisch und oft schlecht lokalisierbar, was eine frühzeitige Diagnosestellung erschwert.

Die juvenile Form (JOCD) tritt bei Adoleszenten auf und wird häufig mit repetitiven Mikrotraumata in Verbindung gebracht. Sie betrifft vor allem sportlich aktive Jungen und ist typischerweise schmerzhaft. Frühstadien bleiben jedoch oft asymptomatisch, sodass die Diagnose meist erst in fortgeschrittenen Stadien gestellt wird. Dies kann die Behandlung verzögern und potenziell zu ungünstigen Verläufen führen.

Die Prävalenz der JOCD des Knies wird derzeit auf etwa 1:10.000 geschätzt, basiert jedoch ausschließlich auf symptomatischen, klinisch erfassten Populationen. Die tatsächliche Häufigkeit in der allgemeinen jugendlichen Bevölkerung – unabhängig von Symptomen – ist bislang unbekannt. Die MRT ermöglicht eine sensitive Detektion auch früher Läsionen und bietet damit die Grundlage, die wahre Prävalenz sowie den natürlichen Verlauf der JOCD prospektiv zu untersuchen.

Fragestellung und Studiendesign

Ziel der Forscher vom Erasmus Medical Center in Rotterdam (NL) war es, die tatsächliche Prävalenz der JOCD des Knies unabhängig von Symptomen mittels MRT zu bestimmen, Patient:innen mit und ohne JOCD zu vergleichen sowie den Verlauf der Läsionen longitudinal zu analysieren. Es wurde angenommen, dass die Prävalenz aufgrund asymptomatischer Fälle unterschätzt wird. Diese Studie war Teil einer offenen, populationsbasierten Kohortenstudie, der BLINDED-Studie. Zwischen 2017 und 2020 wurden bei 13-jährigen Jugendlichen MRT-Untersuchungen beider Knie durchgeführt. Diese MRTs wurden auf Zeichen einer JOCD untersucht. Die Teilnehmermerkmale sowie das Vorhandensein von Symptomen wurden zwischen Jugendlichen mit und ohne JOCD verglichen. Wenn ein MRT im Alter von 13 Jahren eine JOCD-Läsion zeigte, wurde zusätzlich ein Follow-up-MRT im Alter von 17 Jahren ausgewertet.

Welche Ergebnisse haben sich gezeigt?

1910 Teilnehmende wurden in diese Studie eingeschlossen (Durchschnittsalter 13,5 Jahre, Interquartilsabstand 13,4–13,7, 52 % Mädchen). Es wurden 13 JOCD-Läsionen bei 11 Teilnehmenden gefunden. Dies entspricht einer Prävalenz der JOCD von 1 pro 174 Teilnehmende. Alle 11 Teilnehmenden mit JOCD waren Jungen, im Gegensatz zu 48,0 % Jungen in der Gesamtgruppe (p=0,01). Ein Teilnehmender mit JOCD berichtete über Knieschmerzen (9,1 %), verglichen mit 8,0 % aller Teilnehmenden (p=0,89). Von 7 Follow-up-MRTs im Alter von 17 Jahren zeigte keiner der Teilnehmenden noch eine JOCD-Läsion.

In dieser allgemeinen jugendlichen Population fanden die Forscher eine Prävalenz von 1 zu 174 für die JOCD des Knies. Dies deutet darauf hin, dass JOCD häufiger ist als allgemein angenommen. Da Teilnehmende mit JOCD nicht häufiger Schmerzen hatten als solche ohne JOCD, könnte dies darauf hindeuten, dass JOCD öfter asymptomatisch auftritt als bislang vermutet.

Einordnung der Ergebnisse für die Praxis

Mit dieser populationsbasierten Studie liefert das Erasmus MC einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis von Kniebeschwerden im Jugendalter. Entscheidend ist dabei, dass die Teilnehmenden nicht in Praxen oder Kliniken rekrutiert wurden, sondern beispielsweise über Schulen. Dadurch bildet die Stichprobe die Allgemeinbevölkerung deutlich realistischer ab. Hinzu kommt die beeindruckende Stichprobengröße mit nahezu 2.000 13-jährigen Teilnehmenden.

Die Ergebnisse sind auch für den klinischen Alltag relevant: Die Prävalenz der JOCD scheint deutlich höher zu sein als bislang angenommen (1:174 vs. 1:10.000). Auffällig ist, dass alle diagnostizierten Läsionen bei Jungen auftraten, jedoch nur ein kleiner Teil symptomatisch war. Gleichzeitig gehören patellofemorale Schmerzen (ca. 25 %) und der Morbus Osgood-Schlatter zu den häufigsten Ursachen für Knieschmerzen in dieser Altersgruppe. Zudem zeigt die Studie, dass JOCD-Läsionen offenbar häufig spontan ausheilen.

Für die klinische Praxis bedeutet dies: Bei Jugendlichen mit persistierenden Kniebeschwerden sollte eine symptomatische JOCD differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden. Gleichzeitig rechtfertigt dies jedoch nicht automatisch eine frühe MRT-Diagnostik. Vielmehr sollten klinische Warnsignale wie persistierender Gelenkerguss oder mechanische Symptome (z. B. Blockierungen) weiterhin Anlass geben, gezielt an eine JOCD zu denken.

Take Home Messages


Quelle: Kemmeren LAM, Oei EHG, Middelkoop M van, et al. Juvenile Osteochondritis Dissecans of the Knee in the General Adolescent Population: Prevalence and Longitudinal Trends. Journal of ISAKOS 2026; 0: 101102. doi:10.1016/J.JISAKO.2026.101102. Der Artikel ist ‘open access‘ publiziert.

Autor: Dr. Martin Ophey

Reviewer: Nils Borgstedt

KI: Für die inhaltliche Erstellung des Beitrags kam keine künstliche Intelligenz zum Einsatz.

Interessenkonflikt: Der Autor gibt keinen Interessenkonflikt an.