Wissensupdate
Ernährung und Rehabilitation nach Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes: Ein systematisches Review
Der Einfluss der Ernährung auf die Rehabilitation nach Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes ist bislang unzureichend untersucht. Diese Übersichtsarbeit zeigt, dass eine hohe Proteinzufuhr den Erhalt der Muskelmasse und -funktion unterstützen kann. Für Leucin, Omega-3-Fettsäuren und Vitamin D bestehen vielversprechende Hinweise, die Evidenz ist jedoch insgesamt noch begrenzt.
Hintergrund
Verletzungen des vorderen Kreuzbandes gehören zu den häufigsten Sportverletzungen. Die Rückkehr zum Sport nach einer VKB-Rekonstruktion ist langwierig und gelingt nur etwa der Hälfte der Betroffenen. Zudem besteht insbesondere bei jungen Athlet:innen ein hohes Risiko für eine erneute VKB-Verletzung sowie eine spätere Kniearthrose.
Nach einer VKB-Rekonstruktion kommt es zu einem ausgeprägten Verlust an Muskelmasse und Muskelkraft. Das ist eine wesentliche Herausforderung für eine erfolgreiche Rehabilitation und die Rückkehr zum Sport. Während chirurgische und rehabilitative Maßnahmen intensiv untersucht wurden, ist der Einfluss der Ernährung bislang nur unzureichend erforscht. Erste Studien deuten darauf hin, dass insbesondere eine ausreichende Proteinzufuhr den Verlust an Muskelmasse begrenzen kann. Auch Vitamin D könnte aufgrund seiner Bedeutung für das muskuloskelettale System eine wichtige Rolle spielen.
Fragestellung und Studiendesign
Ziel der vorliegenden Studie war es, die aktuelle Evidenz zum Einfluss von Ernährung und Nahrungsergänzung auf die Rehabilitation nach einer VKB-Rekonstruktion zusammenzufassen und mögliche Ansätze für eine erfolgreichere Rückkehr zum Sport aufzuzeigen. Im Gegensatz zu früheren Reviews wurden sowohl die allgemeine Ernährung als auch Nahrungsergänzungen in allen Phasen der Rehabilitation berücksichtigt.
Diese systematische Übersichtsarbeit wurde gemäß der PRISMA-Richtlinien durchgeführt. Die Literaturrecherche erfolgte in PubMed, EMBASE und Web of Science anhand der Suchbegriffe „ACL*“ und „Nutrition“ bzw. „Diet*“. Eingeschlossen wurden randomisierte und nicht-randomisierte Interventionsstudien sowie Beobachtungsstudien zu Patient:innen jeden Alters nach VKB-Rekonstruktion mit Fokus auf ernährungsbezogene Interventionen oder Ernährungsstatus. Die Datenextraktion und die Bewertung des Verzerrungsrisikos erfolgten mithilfe der Instrumente RoB 2 und ROBINS-I.
Welche Ergebnisse haben sich gezeigt?
Insgesamt wurden 15 Studien eingeschlossen. Zwei Beobachtungsstudien untersuchten den Einfluss der Ernährung, während 13 randomisierte kontrollierte Studien spezifische Nahrungsergänzungsmittel in Kombination mit physiotherapeutischen Maßnahmen evaluierten. Die Rückkehr zum Sport wurde lediglich in einer Studie untersucht. Aufgrund des überwiegend hohen Verzerrungsrisikos und der großen Heterogenität der Studien war eine Metaanalyse nicht möglich. Eine höhere Proteinzufuhr war mit einem besseren Erhalt der Muskelmasse und einer verbesserten funktionellen Erholung assoziiert. Auch Leucin, Leinöl (Omega-3-Fettsäuren) und die Korrektur eines Vitamin-D-Mangels zeigten vielversprechende Ergebnisse.
Die Autor:innen schlussfolgern daraus, dass eine hohe Proteinzufuhr in Kombination mit einer strukturierten Rehabilitation den Erhalt der Muskelmasse und die Muskelfunktion nach einer VKB-Rekonstruktion zu unterstützen scheint. Auch Leucin, Leinöl (Omega-3-Fettsäuren) sowie die Korrektur eines Vitamin-D-Mangels erscheinen vielversprechend. Für belastbare, individualisierte Ernährungsempfehlungen im Rahmen der Rehabilitation nach VKB-Rekonstruktion sind jedoch weitere hochwertige Studien erforderlich.
Einordnung der Ergebnisse für die Praxis
Die wissenschaftliche Evidenz zum Einfluss der Ernährung auf die Rehabilitation nach einer VKB-Rekonstruktion ist weiterhin überraschend gering. Während das letzte systematische Review vor drei Jahren ausschließlich Nahrungsergänzungsmittel berücksichtigte, schloss die vorliegende Arbeit auch Studien zur Makronährstoffzufuhr – insbesondere zur Proteinzufuhr – ein und konnte dadurch drei zusätzliche Studien identifizieren. Im Vergleich zu anderen Themen der VKB-Forschung, beispielsweise dem Einfluss verschiedener Transplantattypen, ist die Bedeutung der Ernährung bislang deutlich unterrepräsentiert.
Erschwerend kommt hinzu, dass viele der eingeschlossenen Studien ein hohes Verzerrungsrisiko (Risk of Bias) aufweisen. Entsprechend enthalten auch international etablierte Rehabilitationskonzepte wie die Aspetar- oder Melbourne-Protokolle bislang keine konkreten Ernährungsempfehlungen.
Dennoch liefert der Review erste klinisch relevante Hinweise. Insbesondere eine hohe Proteinzufuhr scheint dem ausgeprägten postoperativen Muskelabbau entgegenzuwirken und den Erhalt der Muskelmasse sowie die funktionelle Erholung zu unterstützen. In den eingeschlossenen Studien wurden Proteinmengen von bis zu 3 g/kg Körpergewicht pro Tag untersucht, um den katabolen Effekten nach der Operation entgegenzuwirken.
Auch für Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren liefert das Review interessante Hinweise, die Evidenz ist jedoch noch begrenzt. Während ein Vitamin-D-Mangel mit einem stärkeren postoperativen Muskelverlust assoziiert war, zeigten Patient:innen mit ausreichendem Vitamin-D-Status keine konsistent besseren funktionellen Ergebnisse oder geringere Re-Rupturraten. Die Autor:innen empfehlen daher vor allem die Identifikation und Korrektur eines Vitamin-D-Mangels vor der Operation. Für Omega-3-Fettsäuren zeigte eine randomisierte Studie mit Leinöl über zwei Jahre bessere funktionelle Ergebnisse und eine höhere Rückkehr zum präoperativen Sportniveau. Aufgrund der insgesamt geringen Studienzahl und des teilweise hohen Verzerrungsrisikos sind diese Ergebnisse jedoch zunächst als vielversprechende Hinweise zu werten und sollten durch weitere hochwertige Studien bestätigt werden.
Take Home Messages
Eine hohe Proteinzufuhr in Kombination mit einer strukturierten Rehabilitation unterstützt den Erhalt der Muskelmasse und die Wiederherstellung der Muskelfunktion nach einer VKB-Rekonstruktion.
Für Leucin, Omega-3-Fettsäuren (Leinöl) und die Korrektur eines Vitamin-D-Mangels bestehen vielversprechende Hinweise, die Evidenz ist jedoch noch begrenzt.
Die Evidenz zur Wirkung ernährungsbezogener Maßnahmen auf die Rückkehr zum Sport ist bislang sehr gering; nur eine eingeschlossene Studie untersuchte diesen Endpunkt.
Aufgrund der geringen Studienqualität und der hohen Heterogenität der verfügbaren Studien lassen sich derzeit keine belastbaren, evidenzbasierten Ernährungsempfehlungen für die Rehabilitation nach VKB-Rekonstruktion ableiten.
Quelle: Raghoebar, S., Roozenboom-van Vliet, C., van der Wal, W., Welling, W., Boersma, D., Oosting, E., Zwerver, J., & Mensink, M. (2026). Nutrition and rehabilitation after anterior cruciate ligament reconstruction: A systematic review. Knee surgery, sports traumatology, arthroscopy : official journal of the ESSKA, 10.1002/ksa.70441. Advance online publication. https://doi.org/10.1002/ksa.70441
Der Artikel ist ‘open access‘ publiziert.
Autor: Dr. Martin Ophey
Reviewer: Nils Borgstedt
KI: Für die inhaltliche Erstellung des Beitrags kam keine künstliche Intelligenz zum Einsatz.
Interessenkonflikt: Der Autor gibt keinen Interessenkonflikt an.