Nachwuchsleistungssport
Der PREHAB SCREEN in der Praxis – Interview mit Phyiotherapeutin Uschi Kerschbaumer und Sportwissenschaftler Johann Szabo

Uschi Kerschbaumer  ist Physiotherapeutin, Johann Szabo Sportwissenschaftler. Wir treffen die beiden zum Interview. Treffen? Nur virtuell natürlich. Die Österreicher haben unser Onlineseminar 1a OS Functional Screening absolviert und haben den PREHAB SCREEN direkt in ihren Arbeitsalltag im Rahmen eines Nachwuchsleistungssportmodells integriert. Im Interview schildern sie ihre Erfahrungen und wie sie den PREHAB SCREEN einsetzen.

OSINSTITUT: Uschi, Johann, servus! Ihr arbeitet beide in einem mit Nachwuchsleistungssportler:innen in Österreich. In was für einer Einrichtung und mit welchen Sportler:innen arbeitet ihr dort zusammen?

Johann Szabo: In Österreich gibt es in jedem Bundesland vom Sportministerium anerkannte Nachwuchsleistungssportmodelle, die schulische Ausbildung und leistungssportliches Training vereinbaren – ähnlich den Eliteschulen des Sports in Deutschland. Ziel dieser Modelle ist die Förderung von talentierten Nachwuchsleistungssportler:innen, die sich im Laufe der Zeit sowohl im österreichischen als auch im internationalen Sport erfolgreich bewähren sollen, ohne dabei die schulische Ausbildung zu vernachlässigen. Hier im Burgenland erfüllt das Bgld. Schule und Sport Modell Oberschützen (bssm) diese Aufgabe. Das bssm kooperiert mit dem BORG für LeistungssportlerInnen in Oberschützen. Die Besonderheit dieser Schulform ist, dass die Schulzeit statt vier fünf Jahre dauert und die jungen Sportler:innen im Alter von 14 bis 19 Jahren dadurch auch am Vormittag trainieren können. Aktuell betreut das bssm insgesamt 86 Athlet:innen aus 17 Sportarten. Wir unterstützen und ergänzen die Nachwuchsarbeit in den Sportverbänden beziehungsweise deren Vereinen. Das Herzstück unserer Betreuungsleistungen ist das Athletiktraining am Vormittag. Aber auch im Bereich des Trainingsumfeldes übernimmt das bssm wesentliche Aufgaben, wie beispielsweise sportmedizinische und sportpsychologische Betreuung, Ernährungsberatung, sportmotorische Testungen etc.

OSINSTITUT: Wie seid ihr auf den PREHAB SCREEN aufmerksam geworden?

Uschi Kerschbaumer: Ich habe als Physiotherapeutin einen neuen Auftrag bekommen, Sportlerinnen und Sportler in einem Nachwuchssportlerschulmodell zu betreuen. Dabei ist es meine Aufgabe, zu erkennen, wo individuelle Defizite bei den Sportlern liegen, an diesen zu arbeiten und so das Optimum aus den Sportlern herauszuholen. Dafür screene ich unsere Nachwuchsleistungssportler zuerst. In der Vergangenheit haben wir mit jeder Athletin und jedem Athleten einmal pro Jahr einen orthopädischen Check durchgeführt. Ich habe mich auf die Suche begeben, ob es nicht noch Alternativen oder Ergänzungen gibt, die helfen, differenzierte und individuelle Athletenprofile zu erstellen. Dabei bin ich über Phydelio, das Fortbildungsprogramm von Physio Austria, auf euch aufmerksam geworden. Zudem hat mir eine ehemalige Absolventin die Ausbildung zum OSCOACH empfohlen. Schließlich habe ich Johann, den Leiter der Leistungssporteinrichtung, von meinen Plänen erzählt und wir haben uns gemeinsam entschlossen, das Onlineseminar 1a und 1b zu absolvieren.

OSINSTITUT: Dabei habt ihr dann den PREHAB SCREEN kennengelernt. Was zeichnet ihn eurer Meinung nach aus?

Uschi Kerschbaumer: Mir gefällt sehr gut, dass der Prehab Screen aus vielen funktionellen Tests besteht, die in Form eines Bewegungsauftrages auszuführen sind. Durch die verschiedenen Tests und Übungen bekomme ich eine allumfassende, rasche und individuelle Bestandsaufnahme einer jeden Sportlerin/eines jeden Sportlers. Für mich ist zudem ersichtlich geworden, dass die Defizite oft nicht auf ein oder mehrere Gelenke oder Strukturen zurückzuführen sind, sondern auch funktionelle Defizite vorliegen können. Dies zeigt der Prehab Screen super auf.

Johann Szabo: Ein weiterer Vorteil ist, dass wir die Sportler aufgrund der Testergebnisse in kleine Trainingsgruppen einteilen können, um dann ganz gezielt an den Defiziten beziehungsweisen Potenzialen arbeiten zu können. Dies erfolgt – angeleitet durch unsere Trainer:innen – im Vormittagstraining, weil wir immer wieder bemerken, dass die jungen Athletinnen vor allem beim Erlernen und anfänglichen Üben Führung und Beratung brauchen. Sobald die Bewegungsqualität bei den Übungen passt, trainieren die Athlet:innen individuell und eigenverantwortlich auch zu Hause, um die vorhandenen Bewegungsdefizite aufzuarbeiten. Im Frühling 2020 haben wir mit diesem Konzept begonnen. Vielen Athleten war bis jetzt nicht bewusst, wo ihre Potentiale und ihre Defizite liegen. Aber durch die Tests konnten sie für sich erkennen, woran sie noch arbeiten müssen – und das motiviert sie auch. Wir wollen spätestens am Ende dieses Schuljahrs noch einmal einen Screen durchführen, um zu sehen, ob die Athleten ihre Defizite aufarbeiten konnten. Wir haben beide das Gefühl, dass unsere Athleten den Prehab Screen als ein Instrument sehen, das sie „weiterbringt“ und sie sich sehr gut betreut fühlen. Dass der Prehab Screen bei Top Clubs im Spitzensport durchgeführt wird, motiviert unsere Sportler:innen natürlich.


Die nächsten Termine für das Seminar 1a Functional Screening und 1b Functional Training

  • 26.02./27.02.2021 Online
  • 24.04./25.04.2021 Dresden
  • 07.05/08.05.2021 Maria Enzersdorf bei Wien

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OSINSTITUT: Helfen euch die Ergebnisse aus dem Screen in der internen Kommunikation und auch mit den Verbänden? 

Johann Szabo: Ja, auf alle Fälle. Bei unserem speziellen Schulzweig haben die Sportler:innen dreimal in der Woche am Vormittag ein Athletiktraining. Die Inhalte besprechen wir immer mit den Spezialtrainern, wobei Krafttraining ein ganz wichtiger Punkt ist. Dieses ist zunächst sehr vielseitig angelegt. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Krafttraining mit freien Gewichten, unter anderem mit der Langhantel. Hierbei ist es ganz wichtig, dass die Grundbewegungsmuster passen und die Übungen richtig ausgeführt werden. Die Physiotherapeuten geben uns als Trainern die Ergebnisse des Screens weiter und damit haben wir Anhaltspunkte, wo wir ansetzen müssen. Wir wissen somit, wo die Sportler Potential haben und wo Defizite vorliegen und können anhand dieser Daten entscheiden, ob ein Sportler zum Beispiel schon mit der Reißkniebeuge starten kann oder ob noch Übungen zur Mobilität im Sprunggelenk gebraucht werden. Diese Ergebnisse und Daten geben wir danach auch den Trainern in den Vereinen weiter. Der Prehab Screen ist für uns eine neue Qualität im Zuge unserer Arbeit mit den Athlet:innen, da er faktenbasierend aufgebaut ist. Dies vereinfacht und verstärkt ungemein die Kommunikation sowohl intern, als auch mit den Verbänden extern.

OSINSTITUT: Das freut uns sehr zu hören! Gab es auch Situationen mit Herausforderungen bei der Implementierung des Prehab Screens?

Uschi Kerschbaumer: Die größte Herausfoderung lag meiner Meinung nach darin, den Sportler:innen die Bewegungsaufträge so zu instruieren, dass der Test auch wie gewünscht ausgeführt wurde. Hier konnte ich an den Schüler:innen manchmal eine leichte Unsicherheit erkennen und ich wurde dadurch auch zum „hands on“ verleitet. Dabei spielt sicherlich auch noch die Unerfahrenheit über die motorische Kontrolle in gewissen Ausgangssituationen eine Rolle.

Des Weiteren haben wir die letzten zwei Tests, die Push Pullups und die Squat Jumps, noch nicht durchgeführt, da wir davor schon verschiedene Defizite festgestellt haben, zum Beispiel dass der Scapula-Humerale Rhythmus nicht gepasst hat oder die Fixatoren zu schwach waren, und wir nicht zusätzlich mit einem Reiz und einem Impact dort hineinarbeiten wollten. In diesem Fall waren die Schüler:innen noch zu jung, weil sie diese Übungen davor noch nicht im Training durchgeführt haben.

OSINSTITUT: Ihr habt beide den Prehab Screen in unserem Onlineformat des Seminars 1a Functional Screening kennengelernt. Würdet ihr anderen Kolleginnen und Kollegin unsere Onlineseminare weiterempfehlen?

Johann Szabo: Es war mein erstes Onlineseminar, an dem ich teilgenommen hatte. Deshalb hatte ich auch keine Erwartungen, sondern war neugierig, wie sowas abläuft. Nach dem Seminar war ich sehr positiv überrascht, zum einen von den Vortragenden und zum anderen von der Abwicklung des Seminars. Die Verknüpfung von Theorie und Praxis hat mir sehr gut gefallen und auch die Diskussionen zwischen den Teilnehmern und den Vortragenden hat gut funktioniert. Meine Erwartungen wurden mehr als übertroffen und ich bin begeistert.

Uschi Kerschbaumer: Mir ist es ganz ähnlich ergangen. Ich hatte in manchen Situationen sogar das Gefühl, dass ich beim Onlineformat konzentrierter war. Die Gruppenarbeiten haben auch online sehr gut funktioniert und dabei hat mit sehr gut gefallen, dass wir immer mit anderen Kursteilnehmern zusammengewürfelt wurden. Zudem war das Seminar im Vorhinein sehr gut organisiert, sodass wir genaue Informationen über benötigte Materialien zur Durchführung des Seminars bekommen haben. Ehrlich gesagt: ich war anfangs etwas skeptisch und war mir unsicher, ob ich den Kurs nochmal in Präsenz nachholen sollte, damit alles sitzt. Aber: auch als Onlineformat ist kein Thema zu kurz gekommen und meine Fragen wurden alle beantwortet.

OSINSTITUT: Vielen Dank für eure Zeit, Uschi und Johann! Wir freuen uns sehr zu hören, dass der Prehab Screen erfolgreich in das Nachwuchsleistungssportmodell Burgenland implementiert wurde!

Das Interview führten Nils Borgstedt und Sophia Schmalzgruber

Bilder: (c)Uschi Kerschbaumer; (c)Johann Szabo; Grafik: Bild von clker-free-vector-images auf Pixabay.com; Kollage: OSINSTITUT